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F. Schaltegger.
der Veröffentlichung der Memoiren der Frau Parquin beimißt... Am Sonntag warenAimö und Papa zum Festmahl gegangen, das der General Voirol bei Anlaß desKönigStagS gab...
Valerie an Fanny:
Arenen berg, Dienstag 3. Mai, 11 Uhr abends.
Meine liebe Fanny! Ich bin hier angekommen, ganz verblüfft, das Haus so gefülltund voll Bewegung zu finden. Ich habe Mama, so gut es nach den Umständen seinkann, zurückgelassen.
Am Mittwoch morgen erhob ich mich erschöpft, ebensosehr infolge der Gemütsbewegungals durch die Reisestrapazen. Die ganze Gesellschaft war schon aus der Promenade. Dieerste Person, der Fräulein von Jahnenberg und ich begegneten, war Herr von Holzing,dessen kaustischer Witz mir gründlich mißfällt; dann mein guter Prinz. Er sagte mir,es habe ihm sehr leid getan, daß er mich gestern abend bei der Ankunft nicht gesehen habe;dann begab er sich wieder zur Gesellschaft. Ich wurde von jedermann ziemlich liebens-würdig aufgenommen; einzig Prinzeß Mathilde empfing mich kalt. Beim Frühstücküberzeugte ich mich bald, daß sie mit dem Prinzen ins reine gekommen und daß ersehr verliebt ist in sie. Sie ist allem nach ihrer Sache so sicher, daß man darübernicht im Zweifel sein kann. Aber^ich habe auch gemerkt, daß ich ihr im Wege bin, unddas tut mir leid. Der Prinz ist sehr erregt in ihrer Nähe und wechselt die Farbe,wenn er mit ihr spricht. Ich ging auf mein Zimmer bis zu dem Augenblick, da derWagen der Königin erschien. Der Prinz und sein Bäschen saßen beieinander auf demRücksitz. Der Prinz, der sonst den Wagen verwünscht, hatte seine Pferde zurückgesandt,um so mit ihr zurückzufahren. Was kann's Glücklicheres geben auf der Welt als zweijunge Leute, die aneinander Gefallen finden, die sich lieben, und sich heiraten wollen?DaS ist ein Glück ohnegleichen.
Ich habe eben Elise aufgesucht, durch welche ich noch besser erfuhr, wie die Sachenstehen. Sie ist durch tausend Anzeichen überzeugt, daß die Heirat zwischen ihnen beschlossenist. Er sagt ihr diese reizenden Worte, die er immer bereit hat für die Frau, in dieer gerade verliebt ist; er sagt ihr sogar, daß er nie geliebt habe, und als Elise ihnleise an Frau Saunier erinnerte, antwortete er: für die hätte er nie das mindeste Opfergebracht, und man liebe die Frau nicht, für die man nicht zu jedem Opfer bereit sei.Elise bildete sich ein, bis jetzt sei er in sein Bäschen nicht so verliebt, wie in diekleine Luise; ich habe sie aber durch meine eigenen Wahrnehmungen vom Gegenteil über-zeugt. Elise betrachtet sie mit sicherem Blick und behauptet, sie sei es, die ihm in allementgegengekommen sei; bei ihr sei es aber mehr ein überlegter Plan als ein Zug desHerzens, von dem sie nichts verspüre. Sie verfolgt ihn in alle Winkel. Er muß sichbeständig mit ihr abgeben. Sie findet, sie sei höhnisch, falsch, gefallsüchtig, eitel, neidischauf andere Frauen, eifersüchtig; sie ist nur scheinbar gut und weil sie's in einem gege-benen Moment sein will. Jüngst hat sie bei einer Abendunterhaltung in Konstanz alleLeute entzückt, und hinterher hat sie sie unbarmherzig verhöhnt.
Als wir uns hinunter verfügten, fanden wir sie im Salon. Sie grüßte uns mitso frostiger Miene, daß ich nicht für nötig fand, mich ihr zu nähern; und, da wohl derPrinz, nicht aber die Königin dort war, nahmen wir einen Vorwand, um sie in ihremZimmer aufzusuchen und erst mit ihr wiederzukommen. Nach Tisch machte ich einePartie Billard mit Elise. Als dann die Prinzeß mit ihrem Vetter kam, ging ich auf