Am Hofe einer Exkönigin.
77
Montag, 13. Juni.
Der Prinz las uns Auszüge aus der Denkschrift des Kaisers von St. Helenavor. Die ist herrlich und von großem Interesse. Ich glaube, er beabsichtigt, sie druckenzu lassen...
Mittwoch, IS. Juni.
Gestern war das Glück des Prinzen vollkommen. Während des Frühstücks sindBriefe von Florenz angelangt. Schon am Morgen hatte er einen erhalten. Da warein Brief seines Vaters vom 8. und einer vom 7. in hübscher, kleiner, sehr feiner Schrift,sehr eng geschrieben, große Seiten voll. Daher war er den ganzen Tag gut aufgeräumt.
Dienstag, 21. Juni.
Beim Schlafengehen sagte mir die Königin, alle Leute, die ihr schreiben, fragtensie, ob der Prinz wirklich heiraten wolle. Sie sei in Verlegenheit, was sie antwortensolle, so lange ihr Gemahl nicht einverstanden sei. Bald sagt er ja, bald nein, und sieglaubt, er werde nie einen festen Entschluß fassen, hauptsächlich, weil er für seinen Sohnetwas tun müßte, wenn er ihn heiraten ließe. Dann fragt sie sich, ob der Fürst vonMontfort Vermögen habe, oder ob er verrückt sei. Er kaufe Pferde, werfe das Geldzum Fenster hinaus, finde nichts groß und schön genug für sich, und dann behaupteer wieder, er habe nichts.
Dienstag, 28. Juni.
Am Sonntag nach dem Frühstück bekamen wir Besuch von Herrn Stehele vonFrauenfeld mit seiner Frau, der einstigen Braut von SauterJ Sie stand einmal intimmit dem Prinzen. Sie brachte ihren kleinen Knaben mit, dessen Pate er ist. Jetztwird mir erklärlich, wie Lebemänner, wie der Prinz, es anfangen, um geliebt zu werden.Sie empfinden wirklich das Interesse, welches jede Frau ihnen einflößt, und da er sichniemals Reserve auferlegt, glaubt man sich geliebt und liebt wieder... Diese Frau wareine ganz flüchtige Neigung — aber sie liebt ihn noch. Ihre Augen waren voll Tränen,als sie ihn anschaute. Er wird natürlich nichts gemerkt haben, als daß sie weniger hübschsei denn einst . . . o, diese Männer! — Was für ein Gezücht! . . . und dennoch mußman stark sein, um ihnen nicht nachzugeben, arme, dumme Geschöpfe, die wir sind.
Donnerstag, 30. Juni.
Am Mittwoch ließ die Königin mich rufen. Der Prinz hatte eine Spazierfahrtauf dem See für den Abend arrangiert. Nach der Rückkunft machte man Spiele. DerPrinz hat sehr bald wieder seinen Platz neben Fräulein Lvuise de Crenay gefunden.Anna, die mir zur Seite saß, ihnen gegenüber, nahm stark Anstoß daran, als sie sah,wie der Prinz sie immer mit dem Arm umschlang. Als der Prinz nach der Uhr sah,fragte ich ihn, ob die Schäferstunde geschlagen habe. Er antwortete: „Nein, aber eskönnte eine werden." Als man von der Geschicklichkeit der Frauen sprach, sagte ich, auchdie Männer hätten ihre Geschicklichkeit, nämlich in der Falschheit und Verstellungskunst,da seien sie sehr geschickt. Die Königin kam und setzte sich zu uns. Ihr Sohn sagte zu