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F. Schaltegger.
Sonntag, 29. Mai.
Der Prinz hatte in Schaffhausen übernachtet, war in Neunkirch * gewesen, hatteaber die Grvßherzogin nicht angetroffen. Der arme Prinz ist so traurig, daß er michdauert. Der Prinz billigt die Baupläne ^ seiner Mutter, und als ich mich beklagte, weildas mich meiner Zimmer beraube, sagte er mir, ich könne sie noch sehr lange Zeitbehalten, und das sagte er mit einem Seufzer, der bewies, wie schwer diese Verzögerungaus ihm lastet. Er bereut sehr, daß er seinen Oheim nicht gebeten hat, die Orte auf-zuschreiben, wo sie unterwegs nächtigen werden.
Montag, SO. Mai.
Die Königin hat einen Brief für den Fürsten von Montfort erhalten und ihngeöffnet nach der Erlanbnis, die er ihr gegeben. Er war von der Gräfin Cainerata,die nach Canale verreist. Sie sagt ihm, da die Cholera in Venedig herrsche, habe manin Bologna eine Quarantäne von vier Tagen für alles, was von dorther kommt, angeordnet.Diese Nachricht beunruhigte den Prinzen sehr, und jedermann hielt sich darüber auf,daß der König, wenn er durchaus reisen mußte, die Kinder nicht hier gelassen habe.
Um den Prinzen zu trösten, habe ich ihm gesagt, das werde seine Rückkehr sicherlichbeschleunigen, die ohnehin für den Monat August festgesetzt sei; vielleicht kämen sie schonin sechs Wochen zurück, und es habe wahrhaftig keinen Sinn, wegen so kurzer Zeit sozu seufzen.
Als ich nach dem Frühstück von einem Spaziergang zurückkam, begegnete ich demPrinzen, der auf seine Mutter wartete, mit der er eine lange Unterhandlung hatte.„Woher kommen Sie?" — „Vom Spaziergang, mein Prinz." — „Wann wird derOberst Vaudrey kommen?" Die Königin kam unvermutet dazu und meinte, ich soll demOberst schreiben, er soll über Schinznach reisen, wo er den Prinzen treffen wird. Ergedenkt nach Baden zu gehen, dann nach Thun , so daß sein Sommer gut ausgefüllt ist.
Dienstag, 31. Mai.
Gestern erzählte uns der Prinz, die beiden Kanonen seiner Erfindung seien amFreitag in Konstanz gegossen worden. Fräulein von Perrigny bemerkte, das sei einUnglückstag. „Im Gegenteil, für mich ist's ein Glückstag, weil Geburtstag meinerBase", und wieder folgten Seufzer nach.
Nach dem Essen wurde darüber gesprochen, ob die Prinzen von Orleans wohl
vorbeikämen, um der Königin ihre Aufwartung zu machen. Diese sagte, sie hätte nie
daran gedacht, wenn nicht das Jahr zuvor Herr von St. Priest ihr gesagt hätte, siewürden sicherlich nicht vorbeifahren, ohne ihr einen Besuch zu machen. Der Prinz warder Ansicht, man sollte sie in diesem Fall nicht empfangen. Frau Salvage will wetten,
sie kämen nicht. Die Königin glaubt, weil'S an ihrer Route liege, könnten sie am Ende
doch das Haus und bei Gelegenheit sie selber sehen wollen, spricht sich aber nicht darüberaus, was sie tun würde. Nachher hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Sohnund sprach von ihrer Absicht, nach Jnterlaken zu kommen, wenn er in Thun sei, unddort dem Fürsten von Montfort und der Grvßherzogin k6näö/-vou8 zu geben.
' Die Memoiren schreiben Ainkirch.
' Die projektierte Umbaute kam nicht zur Ausführung.