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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin.

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die Erinnerung weckte an die Geschichte mit dem Herzog von Enghien' und andere zuanderen Zeiten geopferte Gefangene. Als er mitten in der Nacht auf der Polizei-präfektur anlangte und aus dem Dunkel ins helle Licht trat, habe er unruhig sichumgesehen, da er glaubte, da eine Art Richterstuhl zu finden. Herr Gabriel Delessert übergab ihm den Brief seiner Mutter, der ihn so zu Tränen rührte, daß Herr Delessertauch gerührt wurde. Er fragte, ob er der Mutter antworten dürfe, ob sein Briefgelesen würde, und im Augenblick schrieb er diesen schönen Brief, den die Blätter gebrachthaben. Obschon die Königin, wie Herr von Persigny, fand, die andern seien auch schönund wert bekannt zu werden, will sie doch das Ende des Prozesses abwarten, ehe siedie Aufmerksamkeit wieder auf diese Affäre lenke. Der Prinz ist bei Herrn von Persignyin Straßburg abgestiegen und nicht bei Frau Gordon. . . Die Königin war sehrtraurig und angeekelt vom Menschengeschlecht. Sie hat auch Grund es zu verachten . . .Ich bin in der nämlichen Verfassung zu Bett gegangen wie sie. Ich habe nicht schlafenkönnen, da ein schrecklicher Sturm Angst für den Prinzen erweckte. . .

Sonntag, 12. Dezember.

Die Königin hat durch Herrn Macaire die Nachricht erhalten, ihr Gatte weigeresich, dem Prinzen den Preis ihres Hauses in Lucca , das verkauft worden, auszuzahlenund entzieht ihm seine Pension. . .

Der Oberst Parquin an Valerie.

Im Gefängnis zu Straßburg , 8. Dezember.

Geehrtes Fräulein . . . Am 6. des kommenden Monats werden in Straßburg die Verhandlungen unseres Prozesses ihren Anfang nehmen. Ich denke nicht, daß HerrOdilon Barrot ^ sich entschließt, die Unterstützung seines schönen Talentes meiner Ver-teidigung zu widmen. Er sagt, ich habe das Recht über ihn zu verfügen; aber seinepolitische Stellung, die Kammersitzung, die während unserer Aburteilung in voller Tätig-keit sein würde, und seine tiefe Abneigung gegen die Wiederkehr der kaiserlichen Regierung,wären ohne Zweifel Beweggründe, die mich veranlassen würden, einen andern zum Ver-teidiger zu wählen. Er macht mir das Anerbieten seines Bruders, der, wie er sagte, glücklichwäre, sich meiner Verteidigung zu widmen. Ich habe sie angenommen. . . .

Dienstag, 13. Dezember 1836.

Als ich gestern zum Frühstück herunterkam, erfuhr ich, Karl^ sei gestern abendangekommen. . . . Seine Erzählungen haben uns lebhaft interessiert. Herr von Persignywar entzückt, daß seine Genossen heiter seien, sängen und sich freuten, ihn in Freiheit zuwissen; hauptsächlich weil sie dächten, er werde von neuem zu konspirieren anfangen. Erhat die Unklugheit gehabt, bei Tische zu sagen, alle Gefangenen denken an nichts anderesals von neuem sich zu verschwören. Es scheint, daß sie alle Schuld auf ihn* werfen, und

' Napoleon l. hat bekanntlich den Herzog von Enghicn, einen Bonrbon, 1801 in Schloß Ettcn-heim aufgreifen und in Vinccnncs erschießen lassen.

2 Ein berühmter Nechtsanwalt in Paris , vgl. Schriften 45, S. 152.

^ Der Kammerdiener des Prinzen.

* Persigny.