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Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
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Am Hofe einer Exkönigin,

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Mittel, um eine Unterredung anzuknüpfen, oder mich einen Augenblick vom Wagen derKönigin zu entfernen, mit mir allein zu sprechen; aber zuerst merke ich es nicht undsage ihm, er solle sich nichts darum kümmeru, Rosselli werd alles besorgen. Nun fragter, ob ich der Königin vom Inhalt des von ihm gebrachten Briefs Mitteilung gemachthabe. Die Königin zittert, als sie das hört, und sagt: „Nicht war, Fräulein Masuyer,Napoleon ist nicht tot? Wäre er gestorben, so müßten wir's wissen!" „Ja, Madame,"antwortete ich sofort, „wir müßten es wissen." Ich fühle, daß diese Antwort einfältigist; aber mit vollem Bewußtsein erhebe ich Einspruch gegen ein Unglück, dessen Gedankenoch nicht Eingang gefunden hat in meinen Geist. Da sah ich Herr Baratti schnellzurückweichen, um sich hinter dem Wagen zu verbergen; er bricht in Schluchzen aus,verbirgt sein Angesicht in den Händen und entfernt sich, indem er vor Schmerz auf-stampft. Jetzt verstehe ich alles; aber ich werde nicht schwach; meine Liebe zur Königinerlaubt mir nicht schwach zu werden; ich sage ihr, man hätte sie gewiß geholt, wennder Zustand ihres Sohnes hoffnungslos wäre; ihr das zu verhehlen, wäre ein Aktder Unmenschlichkeit gegen sie alle gewesen. Ich zeige ihr diesen Brief, in welchem dasWort tot nicht ausgesprochen ist; aber sie errät es; sie fühlt, daß Roccaserra ihr nichtalles gesagt hat. In Santa Ära mußte ich mich einen Augenblick von ihr entfernen;man ruft mich um etwas zu bezahlen, und da ich selbst kein Geld mehr habe, steigeich aus, um in der Kiste des zweiten Wagens welches zu holen. Herr Baratti ersetztmich nun und enthüllt der armen Mutter den verhängnisvollen Beschluß des Schicksals.

„Auch er . . ." sagt sie, „Meine beiden Kinder." Sie fällt in dieselbe Betäubung,in die sie einst der Tod Napoleons -Charles * versetzt hatte und sieht nicht, wie das Volk,das von nichts wußte, überall auf der Durchreise herandrängt. Wie um Madame Märein Rom, sagt man hier von ihr: „Napoleons Mutter!" und weiter weg: „Es lebeNapoleon ! Es lebe die Freiheit!" Sie singen: „Besser in blühender Jugend sterben,als unterm Joch der Tyrannen verderben", und auf einmal schweigen sie wie erschrockenüber ihre eigenen Worte. Diese Bauern haben oben soeben vernommen, daß der Gegen-stand ihrer Verehrung, der Verteidiger ihrer Freiheit, nicht mehr ist; ein düsteresSchweigen, Tränen, Schluchzen folgt nun ihren fröhlichen Gesängen.

Ich rufe Herrn Baratti und frage ihn nach den nähern Umständen. Er sagt,während 5 Tagen habe Louis den Bruder nicht verlassen; er habe ihn mit eigner Handgepflegt. Diese Worte rissen die Mutter aus ihrer Betäubung. Sie fragt, ob Louisdie Masern nicht auch bekommen habe. Warum ist er ihr nicht entgegengefahren? Siewill ihn sehen und treibt die Pferde zu größerer Eile an.

Indessen will die Strecke, die sie noch zu durchführen hat, kein Ende nehmen; diefieberische Hast, die sie belebt, kann nicht bis zum Ziele vorhalten. Um ihre Kräfte zuschonen und sie zu bestimmen, daß sie sich ein wenig Ruhe gönnt, rede ich von Räubern,die den Furlopaß unsicher machen sollen. Die Fahrt Rossellis hat sie vielleichtgeweckt; sie haben möglicherweise sich in Hinterhalte gelegt; es ist wichtig, ihnen zu ent-gehen; denn wenn wir gefangen werden, wie können wir dann Louis retten? Sie willigtein, in Scheggia Halt zu machen in der Meinung, wenn die Dunkelheit hereingebrochen,würden wir mit mehr Sicherheit reisen.

Wir überschreiten den Apennin mitten in der Nacht und sind um 1 Uhr morgensauf dem Furlopaß. Nun fragt mich die Königin, ob der beginnende Tag nicht der

> Ihr erstgebornes Kind.