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F. Schaltegger.
sah in Verkleidung, schien er keine Gefahr mehr zn fürchten. Nachdem er zurLoire-Armee geflohen war, hätte er von da aus die Fremde aufsuchen sollen,und sein Vetter, von Flahaut, bot ihm die Mittel dazu; er aber beging dieUnvorsichtigkeit, sich noch einmal nach Paris zu begeben, wo die Denunziationseines Kammerdieners ihn der Polizei in die Hände spielte. Sie hat Tränenvergossen über den Tod dieses Tapfern; aber ihr Gewissen werfe ihr nichtsvor seinetwegen. Eine schwesterliche Zuneigung war alles, was sie ihm ent-gegenbrachte mit der heimlichen, nie eingestandenen Genugtuung, zärtliche Gegenliebe zu finden. Das alles hat sie naiv in ihre Denkwürdigkeiten geschriebenund darum zeigt sie dieselben nur erprobten Freunden, deren Verschwiegenheitsie ganz sicher ist.
Montag, den 27. Juni.
Herr Angerstein hatte eine Zusammenkunft mit uns verabredet, um unsnach seinem Landgut in Woolams zwischen Greenwich und Woolwich, zu führen.Der beste, gastlichste Junggeselle von der Welt, hat er lange gelitten an einerunglücklichen Liebe, oder vielmehr, weil er nur halb geliebt wurde, er aberlieber ganz geliebt sein wollte, hat er seine Flamme schließlich seinem Neben-buhler überlassen. Um sich zu trösten, hat er sich Ausschweifungen hingegeben, hatbei einem Sturz vom Pferde den Arm gebrochen, hat sich ein Loch in denKopf geschlagen, durch welches der gesunde Menschenverstand bei ihm, wieer sagte, flöten ging. Heute trägt er eine Perrücke, die ihn nicht gerade ver-schönt. Ein wahrhaft königliches Frühstück erwartete uns bei ihm. Eine MengeAnanas, Trauben, alle möglichen Sorten von seltenen Früchten erweckten inmir den Wunsch, seine Treibhäuser zu sehen, aus denen diese Wunder hervor-gingen. Aber die Königin, die den Abend vorher durch Herrn Fox verständigtworden war, Lady Holland würde am Nachmittag zu Hause sein, hat dieseHerrlichkeiten nur flüchtig sehen können.
Durch Herrn Angerstein zurückgeführt, haben wir uns sofort nach Holland House begeben. Lord und Lady Cooper befanden sich dort, ebenso Lord Pon-sonby, der eben von Brüssel zurückgekommen war. Das ist der, der vergangenenMonat in der Weinlaune jenen Brief geschrieben, der in den Blättern so vielStaub auswarf. Er veröffentlichte die Uebereinkuuft zwischen den Kabinetten,deren Geheimnis bisher sorgsam gehütet worden war, betreffend die Nicht-vereiuiguug von Luxemburg mit Belgien , welche die Apanage des PrinzenLeopold hätte bilden sollen. Diese Indiskretion stellte die Wahl des Prinzen,die den Tag vorher entschieden schien, wieder in Frage.
Eine andere Berühmtheit Londons , Lord John Rüssel, d.r zweite Sohn desHerzogs von Bedford, ist ebenfalls täglicher Gast des Salons der Lady Holland.Er ist klein und mager, aber mit geistvollem Gesicht. Den Gegenstand derUnterhaltung mit ihm bildete die Reformbill, deren Urheber er ist. Die Königinließ sich bald zu Lord Holland führen, der immer leidend und von der Gichtgeplagt ist, aber seine Zuhörer durch die Klarheit seiner Rede und durch dieKraft seiner Gedanken fesselt. Er sprach von den Hoffnungen Dom Pedrosund den politischen Umtrieben in Frankreich . Als die Königin zwar Louis