Buch 
Am Hofe einer Exkönigin : aus dem Tagebuch einer Ehrendame der Königin Hortense / [Valerie Masuyer] ; eingeleitet und übersetzt von F. Schaltegger
Entstehung
Seite
37
JPEG-Download
 

Am Hofe einer Exkönigin.

37

Bäumen dient als Winterpromenade. Darüber hinaus dehnt sich ein unge-heurer Park, der mit Mauern umgeben ist und Herden von zahmem Gewild alsAufenthalt und Weideplatz dient. Jede Barrisre ist durch einen Wächter ver-wahrt, dessen Wohnung denselben Charakter koketter Eleganz zeigt wie dieGesindewohnungen des Schlosses.

Wir überschritten eine dieser Pforten, um nach Wooburn zu gelangen,einem hübschen Dörfchen inmitten des äußern Parks.

Der Herzog hat es mit einer Freischule ausgestattet und hat soeben einegothische Kirche darin erbauen lassen. Man arbeitet gegenwärtig an der Er-stellung einer Straße, die angemessene Ausgaben erfordern wird, wie sie ebennur ein Herr von seinem weiten Blick sich erlauben darf.

Abends hat die Herzogin ihre Gäste mit Humor unterhalten. Eine Stundenach dem Kaffee wurde Tee serviert und im Augenblick, da wir uns trennten,hat man noch eine Art Allerlei aufgetragen. Die Herzogin wünscht, daß dieKönigin den Monat Dezember in Wooburn zubringe, und, da ein Versprechennichts kostet, hat man es ihr gegeben. '

Heute hat die Königin, um die Zeit der Rückfahrt zu nützen, den neuestenRoman Victor Hugos ,klotrs vams äs ?aris", aus ihrer Reisetasche heraus-genommen. Aber dieses Werk erschien ihr bald barok, anspruchsvoll und lang-weilig. Wir haben ihmÜÄ maison blauebs" von Paul von Kock vorgezogen,dessen übrigens der Prinz auch bald überdrüssig wurde und den er sich fürspäter aufgehoben hat. Als wir in London anlangten, waren wir eben daran,das Ministerium Napoleon II. zusammenzustellen und es blieben nur noch ein biszwei Portefeuille zu vergeben, als der Wagen in George Street anhielt.

Da der erwartete Paß aus Paris nicht kommt, entschließt sich die Königin,noch einige Zeit in England zu bleiben. Sie wird die Bäder von Townbridgebenützen, um die erwartete Nachricht abzuwarten. Auf diese Weise hofft sie denPrinzen vor den Bittstellern oder besonders vor den Bittstellerinnen zu retten,von denen er auf Schritt und Tritt auf dem Londoner Pflaster verfolgt wird.Gestern abend noch im Thsatre Frauyais wurde er von einem hübschen Mädchenbelagert, das, rund und frisch, ihm über die Logenrampe zärtliche Blicke zu-warf, und die wir ganz richtig als eine Französin taxiert hatten. Des andernTags kam ein Briefchen von ihr, mit Laura unterzeichnet, das ihn zu einemStelldichein einlud. Die Königin witterte hinter dieser Liebesaffäre eine politischeJntrige. Sie gibt nichts auf die Komplimente, die man ihr in Gesellschaft überdie schöne Figur des Prinzen macht; in der Tat unter allen Vorzügen, dieer haben mag, ist die Schönheit das Letzte, was sich davon dem Blick auf-drängt.Louis ist nicht verlockend genug, daß die Weiber ihm nachlaufen",sagte sie gestern im Hyde Park, als sie Laura in einem eleganten Wagen erblickte.Sie beschloß daher, sobald wie möglich nach Townbridge abzureisen. ZweiEinladungen, die eine bei der Herzogin von St. Alban, die andere bei LadyHolland konnten beide nicht wohl abgelehnt werden und, da diese auf Freitagabend lautet, wurde unsere Abreise auf den Samstagmorgen angesetzt.

Heute ist ein Arbeitstag für alle; die Königin schrieb an einem Zeitungs-artikel; der Prinz beschäftigt sich damit, Gedanken, die sein Bruder mit Blei