332
der Urnergebirge, zwischen denen die Straße hinaufsteigt, der Renb ent-gegen. Fast eben fort geht es bis nach Amsteg, durch Attdorf, überden wilden Schächen, durch die Felsenge der Klns. Erst bei Amstegbeginnt sie stärker zu steigen, und gleich führt auch eine schöne, steinerneBrücke über die Reuß an deren linkes Ufer hinüber, und die Straßeerhebt sich allmählich hoch über den tosenden, schäumenden Strom. JedeWendung der Straße bietet ein neues entzückendes Bild. Sv kommtman durch das schön gelegene Dorf Wascn hinauf nach Gösche neu,aus dessen Talhintergrund der weit ausgedehnte Dammafirn hervor-leuchtet. Nun verläßt der Wanderer die belebte Welt und tritt in dieöde, tote Felswüste der Schöllenenschlucht. Kaum daß hie und daam Anfang der Schlucht eine vereinsamte Tanne von der frühern Be-waldung Zeugnis gibt; weiterhin unterbricht nur noch etwa eine strauch-artige Legföhre das tote Einerlei. Eine gewölbte Galerie, durch welchedie Straße hindurchfühlt, und in die Felsen eingehauene Zufluchtsstätten,wie die Kreuze, die am Wege stehen, wo Menschen verunglückt sind,mahnen an die Gefahren, die, wenigstens im Winter, in dieser Einsamkeitdrohen. Einen würdigen Abschluß der Schölleueu bildet die Teufels-brücke. Hoch über dem Strom schwingt sie sich in einem kühnen Bogenaufs rechte Ufer hinüber, unaufhörlich übersprüht von dem Wasserstaub,in welchem die Sonne ihren farbigen Bogen zieht. Noch geht es einekleine Strecke aufwärts, da tritt der Wanderer betroffen in das Urncr-loch, einen durch den harten Fels, der jeden Durchgang zu wehrenschien, gesprengten dunklen Gang. Beim Austritt aus diesem Felseutorhat sich die Landschaft gänzlich verändert. Statt der öden, schauerlichenFelswüste mit dem schäumenden, donnernden Bergstrom öffnet sich dasfreundliche Ursercntal, bedeckt mit grünen Matten; ruhig gleitet dieReuß durch dasselbe hin, und freundliche Dörfer winken dem Ermüdetenentgegen. Die Straße führt eben fort durch Audermatt, ob demnoch ein schützender Tannenwald steht, der einzige im ganzen Tal, nachHospental . Hier war in frühern Zeiten ein Hospiz, in dem dieReisenden Unterkunft fanden; denn hier beginnt die Straße aufs neue zusteigen, dem eigentlichen Paß, der Einseukung zwischen den schneebedecktenHäuptern des Gotthardstockes, entgegen. Im Zickzack windet sie sichhinauf. Die Umgebung wird immer öder und wilder; die abgerundetenGranithöcker zeugen von der frühern Bedeckung durch Gletscher. Wer imWinter den Gotthard überschreitet, kann von Glück sagen, wenn er indieser wilden Öde nicht von einem der fürchterlichen Schneestürme über-fallen wird, welche den Pfad verwehen und dem Ermatteten den Er-starrungstod bereiten. Doch ist das rettende Hospiz nicht ferne, woarmen Reisenden unentgeltlich Unterstützung und Pflege zu teil wird.12 000 Personen erfahren hier jedes Jahr die Wohltat uneigennützigerMenschenliebe. Bemittelte Wanderer aber finden freundliche Aufnahme.