333
in zwei Gasthäusern. Aus der Südseite geht es steiler abwärts als aufder nördlichen. In zahllosen Windungen führt die Straße zunächst durchdas von Lawinen bedrohte Tal des Zitterns (Val Tremolo) nachAirolo ins Livinental hinab. Das Grün der Wiesen und Wälderist doppelt angenehm nach der Wanderung durch das Reich des Todes.Je tiefer man hinabkommt, desto reicher entfaltet sich die Pflanzenwelt.Getreidefelder und Weinberge treten auf. und Kastanienwälder bedeckendie Bergabhänge. Doch bleibt das Tal eng, und hohe Berge begrenzenes beiderseits. Die Stadt Bellinzona scheint es mit ihren malerischenFestungstürmen vollständig zu schließen. Von da erweitert es sich gegenden Langensee hin; aber die Dörfer liegen nur am Fuß der Berge, nichtin der Ebene; denn diese ist den Verheerungen des wilden Tessins ausgesetzt.
Magadino , wo man das Dampfboot besteigt, ist berüchtigtwegen seiner Fieber, die eben eine Folge der Versumpfung des flachenGeländes sind.
Vor der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) zählte die Gotthard-straße zu den belebtesten Routen im schweizerischen Alpengebiete. Seitman aber die Strecke von Flüelen bis zum Langensee mit Hilfe derDampfkraft bequem binnen wenigen Stunden durcheilen kann, hat derVerkehr auf der Landstraße eine beträchtliche Abnahme erlitten. Dochfehlt es auch heute nicht an fremden und einheimischen Reisenden, welcheim Sommer den Berg zu Fuß oder zu Wagen überschreiten, da sie denhohen Genuß, den eine solche Tour bei günstiger Witterung geivährt,der rascheren Beförderung auf der. Eisenbahn vorziehen.
Von jeher hat die Schweiz mit Oberitalien einen lebhaften Handels-verkehr unterhalten. Zur Förderung desselben wurden besonders imLaufe des neunzehnten Jahrhunderts große Anstrengungen gemacht.Vortreffliche Alpenstraßen entstanden; ein geregelter Postdienst verbandden Norden mit dem Süden, und zahlreiche anderweitige Transport-Einrichtungen wurden geschaffen. Aber alle diese Hilfsmittel genügtenden neueren Bedürfnissen des Verkehrs nicht mehr. Die Notwendigkeiteiner Eisenbahnverbindung zwischen der Schweiz und Italien wurde jelänger je stärker gefühlt. Da geschah zu Anfang der siebziger Jahre einentscheidender Schritt; es bildete sich eine Gesellschaft zur Erstellung einesSchienenweges über und durch den Gotthard , die Gotthardbahngesellschaft.Schon vorher hatten, die drei meistbeteiligten Staaten — Italien , dieSchweiz und das deutsche Reich — großartige Summen zur Unterstützungjenes Unternehmens zugesichert. Im Jahre 1872 wurde das Werk inAngriff genommen und im Zeitraum von 10 Jahren, nach unsäglichenSchwierigkeiten, zu Ende geführt.