Buch 
Des hl. Gallus Zelle an der Steinach im Jahre 614 / von Dr. Anton Henne
Entstehung
Seite
198
JPEG-Download
 

198

gissest du, Hagano oder Vigilius, daß du auch eine Mutter hast?fragte Eufemia. Eher meines Lebens würde ich vergessen alsdieses, sagte er, indem er vor sie hinlniete und ihren Kuß auf seineStirne empfieng. Mein Vater erwartet euch im Saale. Machet,daß die Freude vollkommen sei. O ich fühle, wie es den Seligenist, wenn sie im Himmel die Augen aufschlagen. Und wem wirAlle das verdanken weiß ich auch, sagte er, Galls Hand ergreifend.Ihr begleitet uns als unser guter Schutzgeist! Gali deuteteschweigend gen Himmel, und nachdem Kunzo sich noch einen Augen-blick gesammelt, und sich dann entschlossen erhoben, begaben sie sichin den Saal hinauf, Kunzo an des Jünglinges Hand und sich aufihn stützend, denn seine Kniee zitterten. Oben trat ihnen entgegenVictor an der Hand Fridiburgs, die auf ihre Eltern zustürzteund ihr Haupt schluchzend an Beider Schultern lehnte. Jetzt trafender zwei Männer Augen sich, dann schlugen ihre Hände in einanderund schüttelten sich, ohne daß ein Wort aus ihrem Munde kam, bisder Herzog sagte: Gottlob, daß ich dein Aug sehe, welches ich längsterloschen glauben mußte. Jetzt will ich gerne sterben. Lebe, meinBruder, sagte Victor bieder, unsere Kinder bedürfen noch der Väter. Jetzt näherte er sich ergriffen Eufemien, deren Hand er anseine Lippen drückte, faßte dann die von Fridiburg und sagte: ichweiß nicht, ob ihr die Hand dieser Jungfrau, die mir lieb ist, unddie einem Königssohne zugesagt war, dem meinigen versagen werdetoder nicht. Des Nachbars Kind freien ist ein uraltes Sprüchwortin meiner Bcrgheimat, und wir zwei Alte sind wirklich nur durcheinen Zaun geschieden. Kunzo antwortet^ schnell: Victor, mitdiesem Worte vollendest du meine Beruhigung gänzlich, und nimmstden letzten Stachel aus meinem Herzen. Was sagst du hiezu, Mutier?vielleicht ist dir etwa die Sache nicht recht so? Eufemia lächeltedurch Thränen, und Gall sah nun eine sich umarmende Gruppe vorsich, die seinem Herzen wohl that. Jetzt trat die hohe Greisinn vomRomonten mit dem treuen Jenatius herein, welcher Fridiburgen inArbon abgeholt hatte. Castomia, die Marlotscha des Sunadur, durchihr Gewand nicht gehoben, denn ihre Gestalt war ohnehin königlichund von Natur edeln Ansehens, reichte dem herzoglichen Paare dieHand, während Jenazi, des Sohnes Erzieher und des Vaters Retter,von diesen Beiden in Beschlag genommen wurde. Der Alte erzähltebald dem begierig fragenden Burgvolke alles, worauf er sich an einigeAbergläubische wandte und schalkhaft sagte: ob sie denn nicht wiedereinen Raben den Goldbacher Heidenlöchern haben zufliegen sehen?