27
den alten Linden beim Untertor eine Festung, eineBesatzung wurde hineingelegt, und dann begann der Sturmmit einem Bombardement von Schneebällen, die so dichtflogen wie bei Malakoff die Granaten. Sogar dieMädchen und nicht selten auch die Lehrer nahmen Teilan dem Wintervergnügen. Don weiterem Schulhaltenwar dann allerdings an einem solchen Vormittag keineRede mehr.
Daß die so erworbenen Kenntnisse (?) auch zu Hausein dem stillen Dörfchen verwertet wurden, ist klar. Auszusammengesteuertem Gelde war Pulver gekauft worden.Unter dem Dache lagen in unserem Hause noch die altenFenster, die moderneren hatten weichen müssen. DieBleifassung dieser Scheiben schien nun wie für uns ge-schaffen, Kugeln zu gießen. Ein alter Flintenlauf wurdemit unendlicher Mühe und Ausdauer durchsägt und dasEnde mit der Jündpfanne aus einem Holzblocke fest-genagelt, der auf vier Rädern ruhte. So war unsereKanone fertig. Schon am nächsten Sonntag nach derKinderlehre zogen die vier vorgespannten Jungen dasGeschütz in scharfem Trab auf die Höhe des Rappen-waldes. „Abgeprotzt! Schars geladen!" Das Ziel wareine Mannsfigur, mit Kohle auf ein Brett gemalt, dasan eine Tanne gelehnt war. „Feuer!" Aber wir kühnenArtilleristen hatten nicht bedacht, daß unsere Mordwaffegerade nach dem Dörfchen gerichtet war, ebensowenig,daß hie und da einmal eine Kugel neben unserer Scheibevorbeifliegen könnte, bis mehrere in „Scheidemanns"Häuschen einschlugen. Darob großes Entsetzen im Dorfe,wie billig, und schließlich waren doch wir bei aller