Buch 
Exegetische Briefe über des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst : an August Rode / von Hans Christian Genelli
Seite
75
JPEG-Download
 

7S

aufserst auf Jedem Eck, dann wieder über Jede Säule, ein Triglyph gesetzt 'werdenmufste: dieser, weil zur Stützung der Decke die festesten Stellen nicht übergan-gen werden durften * jener, weil unter dem Eck des äufsern Kranzes die Bezeich-nung der Unterstützung auch nicht ausbleiben darf und nicht nahe genug gerücktwerden kann. Denn die Metopen gelten in der Kunstanschauung für leer. Dar-aus aber erfolgte, dafs die äufsersten Säulenweiten der Ecken enger werden mufs-ten als die andern. Dann nöthigte die Schwere des Gebälks, die sowohl in derArt der Zusammensetzung mechanisch, als künstlerisch in dem bezweckten Cha-rakter begründet ist, die Architraven so kurz als immer möglich zu wählen, dieSchicklichkeit aber forderte dagegen wenigstens im Mittel einen etwas bequememDurchgang; auch wurde es anständiger die Fronte im Mittel durch eine Metopezu theilen, weil diese mit ihrem lebendigen Bilde interessanter geworden war alsein Triglyph. Daher wurde denn die eigenthümliche Stellung für diese Ordnungder. Eys ty lo s, so ein geth eilt, dafs auf die mittlere Weite drei Metopen, auf dieNebenweiten aber nur zwei kamen 1 , und auf die Eckweiten noch um etwa einViertel von der Breite eines Triglyphs weniger. Es ist glaublich, dafs die JonischeOrdnung diese Stellung erst der Dorischen abgesehen, und sich zugeeignet habe,nachdem sie zuvor die Modification der Eekweiten, die ihre Nöthigung nur in dereigenen Construction des Dorischen Frieses fand, weggenommen hatte. Es konntealso hier keine merkliche Verschiedenheit der Stellungen Statt linden, indem allesmögliche Spiel der Weiten von dem Maafs abhing, welches man für die Metopenwählte, das jedoch nie beträchtlich variiren konnte, da man sich in dem Verhält-nis derselben nicht gar weit vom Quadrat entfernen durfte. Es mufste deswegenin dieser Ordnung der Triglyph, als das durchweg Regulirende, zum fixen Mo-dul für das ganze Werk, und die Anwendung dieser Ordnung mithin etwasschwieriger als die der Jonischen werden. Darum sagt Vitruv x), es hätten meh-rere Architekten der Vorzeit geleugnet, dafs es schicklich sey, Tempel von derDorischen Ordnung zu erbauen, weil dadurch die Verhältnisse an ihnen fehlerhaftund unbequem auslielen. Doch, setzt er hinzu, kam diese Weigerung nicht daherdafs diese Ordnung etwa in Gestaltung oder Bedeutung ohne Reiz wäre; sondernweil in der Ausübung die Eintheilung der Triglyphen und Deckenstücke schwie-rig und unbequem ist. Trotz dem einseitigen Tadel dieser berühmten Baumeisteraber ist sie jedoch unter den Griechen, zum Tempelbau, wegen der vielen männ-lichen und männlich gesinnten Gottheiten, bei andern Bauten aber, theils wegender wohlfeilem Bearbeitung ihrer Säulen , theils aber auch nach dem so vorzüglich

*) Lab. IV. Cap. III. vergleiche Rodens Uebersetzung,