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Exegetische Briefe über des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst : an August Rode / von Hans Christian Genelli
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Sechster Brief.

Über die Dorische Ordnung*

Ehe Vitruv auf die Angabe der Verhältnisse in der Dorischen Ordnung kommt,läfst er sich ein in eine Theorie über den Ursprung des Gebälks an aller Ordnungwelche in mehr als einer Rücksicht zu wichtig ist, als dafs ich sie unbeleuchtetlassen könnte. Schon dadurch, dafs er, um vor häufig begangenen Fehlern zuwarnen, sie hier aufstellen zu müssen glaubt, beweist sie, dafs die Bedeutung des-sen, was man herkömmlich auszuüben gewohnt war, schon grofsentheils verlohrenund zweifelhaft geworden war. Auch zeigt die Art seines Vortrags für sich schondafs diese Theorie nicht mehr aus reiner Überlieferung herrührt, sondern das Pro-duct eines neuen Forschens nach dem Verlohrnen ist 5 und es darf wohl vorausge-setzt werden, dafs die ersten Versuche solcher Art immer durch Willkührlichkeitsündigen werden, und dafs das rechte Wiederfinden erst dann zu erwarten ist,wenn alle Irrwege schon durchlaufen sind. Es wäre sonach in der That zu be-wundern, wenn Vitruv hier etwa den rechten Weg eingeschlagen wäre, und eswird wohl niemand befremden, wenn ich grade hier eben so viel Verdacht gegenihn hege, als ich sonst festes Vertrauen auf seine practischen Lehren geäufserthabe. Er wählt nehmlich eine solche Erklärungsmethod©, die man eine histori-sche zu nennen beliebt hat: das heifst, dafs er den Ursprung in irgend eine Zu-fälligkeit setzt, die so weit hinauf datirt, dafs sie im günstigsten Fall doch wenig-stens zur Hälfte auf Wahrscheinlichkeit angenommen werden mufs, und die Noth-wendigkeit, die jede Kunsttheorie fordert, lediglich in der Blindheit einer müfsigenNachäfferei sucht; wobei denn nicht einzusehn ist,-wodurch der Kunstgeist endlichgenöthigt wurde, grade die Ideenleere Dürftigkeit zu seinem Typus zu erwählen.Nehmlich eben so wie er im zweiten Buch die erste Entstehung aller Architectonikaus zufälligen historischen Factis der rohesten Dürftigkeit deducirt, die zu keinerEvidenz gebracht werden können; so sucht er auch hier wieder ins besondre denUrsprung aller Theile des Gebälks in den Ordnungen, aus dem Zimmeryer-band zu erklären, welchen er für älter als die Steinstructur annimmt.

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