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II.
Relative und absolute Chronologiein der Urgeschichte.
Die ältesten Spuren des Menschen in der Schweiz müssen wir in Höhlen suchen.Zwar hat man geglaubt, in den sog. Wetzikonstäben Zeugnisse zu besitzen, welchedie Anwesenheit unseres Geschlechts auf Schweizerboden in der Periode zwischen der2. und 3. Eiszeit bewiesen. Aber diese Stäbe aus den Schieferkohlen von Wetzikon sind nicht von Menschenhand bearbeitet, wie überzeugend nachgewiesen worden ist 1 ).
Während der ganzen Dauer der Eiszeit scheint der Mensch sich von der heutigenSchweiz ferngehalten zu haben, und erst, als die Gletscher sich definitiv zurückgezogen,nahm er Besitz von unserm Lande.
Wenn die ältesten Beweise von der Existenz des Menschen in der Schweiz bisin die postglaciale Zeit zurückgehen, so will das nicht etwa sagen, unsere Gegendenseien seither immer bewohnt gewesen. Wir haben schon im vorigen Kapitel gesehen,dass die älteste Periode der Besiedlung Europas als Steinzeit bezeichnet wird. Aberdiese Steinzeit zerfällt bei uns in zwei scharf getrennte Abschnitte. Die ältere oderpaläolithische Steinzeit begreift die Hinterlassenschaft des Diluvialmenschen in sich.Damals herrschte ein anderes Klima, als jetzt; andere Tier- und Pflanzenformen charak-terisirten die Natur, als es gegenwärtig der Fall ist. Die ältere Steinzeit liegt also sehrweit hinter uns; seither erfolgte eine totale Änderung in Klima, Flora und Fauna.
Diese Änderung hatte sich schon vollzogen, als die jüngere oder neolithischeSteinzeit hereinbrach. In dieser letztem Epoche finden wir fast dieselben Tiere, wieheute, dasselbe Klima wie gegenwärtig. Aber auch der Mensch der neolithischenPeriode war ein anderer, als derjenige der älteren Steinzeit. Der Paläolithiker wohntein Höhlen und lebte vom Ertrag der Jagd; der Neolithiker dagegen baute sich seineHütte, hatte zahme Tiere und war Ackerbauer.
Es ist also, wenigstens vorläufig noch, ein Hiatus zwischen der älteren oderpaläolithischen und der jüngeren oder neolithischen Steinzeit, und zwar nicht bloss inkultureller Beziehung, wie er sich etwa durch Einwanderung eines neuen, auf höhererKulturstufe stehenden Volkes hätte ergeben können, sondern auch in klimatischer,faunistischer und floristischer Beziehung.
Seit der jüngeren Steinzeit ist die Schweiz ununterbrochen bewohnt worden. Injeder Epoche lassen sich Bindeglieder sowohl mit der vorausgehenden, als mit dernachfolgenden auffinden, und es ergiebt sich nirgends eine grössere Lücke, als beispiels-weise das rasche Auslöschen der helvetischen Kultur beim Eindringen der Römererzeugt hat.
1) Vgl. Prof. Dr. C. Schröter: Die Wetzikonstäbe.