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bekannt gewesen. An spätgotischen Häusern in Hildesheim kommt Flachschnitzerei anden « Windbrettern» vor, mit denen die Zwischenweiten der Traghölzer unter den über-hängenden Stockwerken verschalt sind J ).
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Schon in ältester Zeit ist dieser Zierat ein beliebter gewesen. Es genügt, an diealamannischen «Totenschuhe» und «Rehbretter» zu erinnern, und gleiche Machenschafthat man sich wohl unter den «Wurmbildern» vorzustellen, deren das angelsächsischeBeowulfslied bei der Beschreibung eines Schlosses gedenkt.
Kein Wunder übrigens, denn zu dieser Behandlungsweise forderte ja schon dieNatur des Stoffes heraus. Bis ins XVH. Jahrhundert und vielleicht noch später ist unterden Zieraten unserer Holzhäuser der Schachbrettfries einer der beliebtesten gewesen,denn nicht leichter hätte ein anderer sich erstellen lassen. Auch zu Weiterem fordertedieses Schaffen heraus, denn ob der Künstler sich mit der Ausführung geometrischerFiguren begnüge, oder ob er reicheren Eingebungen folge, es ist stets dasselbe: einkeckes Schneiden und Abblättern der Stellen, aus denen sich die Zeichnung als einglattes, aus der Oberfläche gespartes Relief erhebt. Es hat dann freilich Zeiten undStriche gegeben, wo ein anderes und ebenso leichtes Verfahren, der Kerbschnitt, dieOberhand gewann. Tröge im Museum von Sitten sind Belege dafür. Ihr Stil istromanisch, aber gewisse Formen und die Inschriften deuten darauf, dass sie kaum vordem Ablaufe des XIII. Jahrhunderts entstanden und somit Zeugnisse einer zurück-gebliebenen Mode sind. Auch andere Arbeiten dieser Art bestätigen, dass im W 7 allisund in einzelnen Gegenden Graubündens der Kerbschnitt über das Mittelalter hinab andem romanischen Formenwesen festgehalten hat 2 ).
Es gibt keine andern Belege als die Jahrszahlen in Kirchen und Häusern, um denZeitpunkt festzustellen, wann die Flachschnitzerei wieder zu Ehren kam. Das frühestebis jetzt bekannte Datum eines in dieser Technik ausgeführten Werkes — 1470 — trägtein unlängst aus Disentis von dem Schweizerischen Landesmuseum erworbener Tisch.
') «Windbretter» werden diese Füll- oder Schalbretter dort genannt, weil sie den Durchzug der kaltenLuft zwischen den «Wellern» oder Bügen verhindern.
■) Vgl. meinen Bericht über Gruppe 38 «alte Kunst» der Schweizerischen Landesausstellung Zürich . Zürich 1884. S. 36.