48 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.
die südlicheren Länder, auch noch durch häufiger wiederkehrende zer-störende Erdbeben heimgesucht. Und zu dem Allen brach schliesslichnoch vomämlich in den Städten Deutschlands , in den Rhein - und Donau-ländern bis hinauf zu den Küsten der Ostsee , eine Verfolgung der Judenaus, da man sie als die Ursache alles Elends betrachtete, die, mit höchsterErbitterung vollzogen, auch die wildesten Leidenschaften zum Aeusscrstenhin entfesselte.
Sofern die allseitig erstrebte Ausgleichung der bisherigen staatlichenund bürgerlichen Verhältnisse ohne Kampf nicht zu erreichen war, zudemauch der Hang zu kriegerischer Bethätigung noch überall vorherrschte,waren es wohl weniger die damit verbundenen Bedrängnisse, als vielmehrjene tiefeinschneidenden natürlichen Ereignisse, welche die Stimmung imAllgemeinen in beengendem Druck erhielten. Nicht nur dass man sichdemgegenüber völlig rath- und kraftlos fühlte, erblickte man darin auchvorzugsweise ein göttliches Strafgericht über die Verderbtheit der Welt,vermeinend, dass man sifh dem nur durch strenge Bussübung zu entziehenvermöge. Geängstigt von solcher Anschauung traten an den verschieden-sten Orten meist äusserst zahlreiche Gesellschaften, ohne Unterschied desGeschlechts, theils zu Pilgerfahrten nach Born, tlicils zu Büssergemeindenzusammen, welche letzteren sodann, als „Geissler“, unter beständigerKasteiung hauptsächlich die nördlicheren Länder nach allen Richtungenhin durchzogen. Wie indess einmal der menschliche Geist stets zumWiderspruch geneigt ist und um so mehr dazu gereizt wird, je heftigerer den Gegensatz fühlt, so kam es denn auch in dieser Zeit vor, dassdem so drückenden Verhängniss mindestens immer schon Einzelne mitallen Kräften entgegenstrebten und sich nun gerade, demselben zumTrotz, jeglichem Genuss iiberliessen. Doch blieb die Zahl derer vorerstnoch gering, obschon ihre Weise sich zu äussern im Grunde genommenallerdings der eben nur hier schon lebendige Ausdruck der inzwischenjedoch überhaupt erwachten Sinnesrichtung war. So aber, als dann jeneDrangsale ihren vorläufigen Abschluss erreichten, was eben zufolge derNachrichten von Zeitgenossen fast überall ziemlich gleichmässig gegendie Mitte des vierzehnten Jahrhunderts geschah, also nachdem — wiedie Limburger Chronik zum Jahre 1350 erzählt 1 — „da die Geissei undRömerfahrt, gross Sterben und Judenschlacht ein End hatten, die Weltwieder begann zu grünen, aufzuleben und freudig zu werden“ — musste
1 Fasti Limpurgenses d. i. Chronik von der Stadt und Herrn zu Lim-purg an der Lahne. Gedruckt bei Gotth. Yögelin 617. Diese für die Cultur-geschichte überhaupt höchst interessante Chronik wurde mehrfach herausgegebenso unt. and. in "Wetzlar bis 1720; ietzlich auch mit einer Einleitung und erläu-ternden Anmerkungen von C. D. Vogel. (2. Aufl. Marburg 1828.)