Geschichtliche Uebersicbt.
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denn wohl nun auch diese Richtung in weitestem Umfang zu Tagetreten. —
Hatte im vorigen Zeitraum bereits das Bürgerthum allmälig begon-nen, sich seiner Einfachheit zu entwinden, fand bei diesem nun vorzugs-weise die so wieder gehobene Stimmung einen ungemein günstigen Boden.Nicht nur erfüllt von dem Bewusstsein, die drückende Mittelmacht desAdels in engere Schranken zurückgedrängt und damit den folgereichstenSchritt zu eigener Freiheit gethan zu haben, als auch ermuthigt in demGedanken durch eigene Kraft und Thätigkeit zu Reichthümern gelangtzu sein, erkannte es hierin zugleich das Mittel zur Forterhaltung undSicherung seiner Standeserrungenschaft, als auch zu fernerer Verannehm-lichung seines Zustandes überhaupt. In dem von ihm verfolgten Betriebhot sich ihm die Gelegenheit, mindestens im Punkte des Wohlstands demAdel den Rang streitig zu machen, da dieser seiner Abstammung gemässjeden derartigen Erwerb verschmähte; auch ward es ihm theils ebenfallsdadurch, theils aber auch durch die inzwischen gewonnene Aufklärungvergönnt, selbst auch dem Einfluss der Geistlichkeit selbständiger gegen-über zu treten. Diese letztere, den Papst an der Spitze, war überdiesin dem Grade entartet, dass sie im Ganzen allerdings kaum noch Achtungeinflössen konnte, wie denn die päpstliche Residenz zu Avignon geradezua ls die Schule jeglicher Verderbtheit galt. —
Bei dem zwischen Gesittung und Roheit noch schwankenden Zustandeüberhaupt, blieb es zufolge der so seit lange vorbereiteten Verhältnissenicht aus, dass nun auch vor allem das Biirgerthum völlig rücksichtslosdahin strebte seinen Wünschen und Anschauungen nachzuleben undAusdruck zu geben. Gleichwie sich indess diese Anschauungen aus derallmäligen Umwandlung der Lage der Dinge ergeben hatten, bedingtedies denn auch wiederum eine nur dementsprechende Form. Das Altekonnte nicht mehr genügen, und wo man sich dessen auch nicht geradeplötzlich zu entschlagen vermochte, musste es nichtsdestoweniger alsbaldfür ein Neues nur Grundlage werden. Und dies betraf in weiteremSinne sämmtliche Lebensäusserungen, indem es aber dann vorzugsweise>n dem Punkte des Kostüms, so ganz besonders in der Tracht, zunächstmul am klarsten zur Geltung gelangte, ja dergestalt, dass auch die Zeit-genossen selber davon überrascht wurden. So jener Verfasser derLimburger Chronik, der zu der oben erwähnten Stelle zum Jahre 1350ausdrücklich als Folge des nach der Endschaft des Elends erwachendenFrohsinns bemerkt „und machten die Leute neue Kleider.“ —
Mit dem so mehr völligeren Verlassen der altrömischen Ueberlieferunghauptsächlich in den nördlicheren Landen, begann auf dem nun gewon-nenen Boden für das Kostüm im engeren Sinne eine durchaus selbstän-dige, höchst wechselvolle Fortgestaltung. In der Geräthbildung allerdings,
Weies, Kostümkunde. III. 4