50 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrli.
da man hierbei auch noch ferner wesentlich die baulichen Formen alszumeist maassgeblich erkannte und diese wenigstens im Einzelnen keinerso raschen Umwandlung erlagen, konnte ein Wechsel überhaupt vorerstnur noch langsamer statt haben; in der Gestaltung der Tracht dahin-gegen, als gänzlich unabhängig davon und ihrem Wesen nach unmittel-barer an das Individuum gebunden, wurde denn einem derartigen Verfolgein um so weiterer Spielraum geöffnet. Dazu kam, dass in dem allseitigerwachten Bestreben nach Selbständigkeit, im Verein mit dem reifendenSinn tieferer Erkenntniss der Natur und dem immer regeren Bewusstseinpersönlicher Gleichberechtigung, das Individuum selber als solches sichvon der alterthümliehen ausgleichenden Gewohnheit befreite, mithinnun auch jeder Einzelne sich immer entschiedener berufen glaubte, seineNeigungen und Anschauungen als die gültigsten zu betrachten und ihnenvor allem die weiteste Anerkennung zu verschaffen. Freilich konnte sichauch dies immer nur innerhalb der Grenzen der allgemeinen Zeitstimmungvollziehen, indessen war diese gerade jetzt einem . derartigen Einzel-bestreben ganz besonders förderlich. Denn nun, da die beengendenSchranken des eigentlichen Mittelalters, das Le'henwesen und die Hierarchie,seit lange im tiefsten Grunde erschüttert, ihrem gänzlichen Umsturznahten, das Kitterthum mit seinen ursprünglich allerdings edlen Absichtenseine Rolle ausspielte, vornämlich aber das Bürgerthum, neben seinenFreiheitserfolgen, zunehmend zu grösserem Wohlstand gelangte, begannhauptsächlich das Aussenleben sich nach den verschiedensten Rich-tungen hin aufs Mannigfaltigste zu verzweigen, stets neue Bedürfnisse zuerwecken, und somit den Geist in beständiger, vielseitigster Spannung zuerhalten. Da denn vor allem das Bürgerthum den Druck jener beidenHauptmächte, der Adehherrschaft und der Geistlichkeit, stets am schwerstenempfunden hatte, war es natürlich, dass sich dies dem nun auch gleicham freiesten überliess. So aber einmal aus den Schranken getreten, verlores alsbald Ziel und Maass. Fortan zumeist nur darauf bedacht seinenGelüsten nachzuleben ward in ihm durch die Möglichkeit diese nachWillkür zu befriedigen Widerspruchsgeist und Uebermuth in stets wach-sendem Maasse befördert, ja die bestehende sittliche Ordnung alsbald der-gestalt umgekehrt, dass, zumal bei der noch überhaupt vorwiegendenDerbheit in Wort und That, allmälig selbst das Gefühl der Scham undEhrbarkeit kaum mehr Würdigung fand. Und eben nun solche Entsitt-lichung in ihrer allgemeineren Verbreitung war es vorzüglich wasim Kostüm, und zwar am ersichtlichsten in der Tracht,.nicht sowohl-jenedurchgängige Umwandlung und deren besondere Aeusserungsform, als zu-gleich auch für die weitere Folge den ständigen Grur.dchafakter bestimmte.
Nach dem Vollzüge solches Umschwungs schritt man auf den dadurcheröffneten neuen Bahnen mit Raschheit fort. Adelstand und Bürgerstand