Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
51
JPEG-Download
 

Geschichtliche Uebersicht.

51

strebten einander zu überbieten, und was beide in äusseren Genüssen nichtselber ersannen oder vermochten, ersann und vollfühlte die Geistlichkeit.Wie heftig dann auch der Einspruch wurde, den einzelne gesinnungs-tüchtige Männer, Predicanten und Moralisten, und selbst Behördendagegen erhoben, und wie wirksam auch dies theilweis war, imGanzen'jedoch blieb man sich getreu, ja fühlte sich dadurch gelegentlichnur noch um so entschiedener gereizt, im Eigenwillen zu beharren undeben nur sich, dann oft bis zum Mutliwillen, in ungebundenster Art zugenügen. Ueberhaupt aber rief gerade diese an sich so vielfach bewegteZeit der Neugestaltung und des Werdens scharfe Gegensätze hervor.Während in ihr einerseits der Begriff des Bürgers erwachte und dieschneidenden Unterschiede der Stände sich aufzulösen begannen, auchschon im Ganzen ein gegenseitiges Ineinanderwirken änhob und somitder Keim zu rascherer folgereicherer Entfaltung gemeinheitlicherBüdsamkeit und. Aufklärung an Triebkraft gewann, ward in ihr. andrer-seits jedes Band früherer Einheitlichkeit theils gelockert, theils,für alleFolge gesprengt. Gegenüber der steigenden Ueppigkcit der Vornehmenund Reichen, deren Hoffart und Eitelkeit,- wurden die niederen, : bedürf-tigen Klassen unwillkürlich dahin geführt, den auf ihnen lastenden Druckder Armuth stets tiefer zu empfinden. An einem Mittelstand im heuti-gen Sinne, welcher geeignet gewesen wäre, einen derartigen Unterschiedabstufungsweise auszugleichen, fehlte es vorläufig noch. . Zudemtraten sich noch beständig Bürgerthum und Ritterthum sowohl in ihrenBestrebungen- als auch in ihren Aeusserungsformen gegensätzlich genuggegenüber, um in ihren Rechten einander etwa schon gutwillig.anzuer-kennen. Aus solchem noch steten Wechselbezug dieser beiden Haupt-qiächte aber wurden beim Adel vornämlich herber Trotz, Raubsticht undGrausamkeit, bei den Bürgern,' in Folge dessen, Verschlagenheit undWachsamkeit bis zum Aeussersten hin gesteigert. Ueber.dies lagen nochüberall fast kindliche Einfalt und rohes Behagen, geistige Beschränktheitund Barbarei, in widerspruchsvollem Kampfe begriffen. Und -obsthonaücli die Geistlichkeit in ihrer argen Verweltlichung, zugleich mit demSinken ihres Ansehens als höchstgebietender Gewalt, das Vorrecht.wissen-schaftlicher Bildung dem Laienstand hatte abtreten, müssen, war dieserauch, bei seinem gleichfalls noch vorwiegenden Verfolg lediglich reinäusserer Interessen, vorerst noch im Ganzen wenigstens nur wenig be-fähigt oder geneigt sich tieferen, geistigen Studien zu widmen. '

Indessen, wie die bedrohliche Zerfahrenheit dieser Zustände gleichvon vornherein einzelne ernster blickende Männer erregte, dem Uebelkräftig entgegenzuwirken, blieben deren Bestrebungen auch keineswegsohne Erfolg, ja führten allmälig vielmehr dahin, auch schon, in immerweiteren Kreisen der Wurzel desUebels nachzuspüren. Die Verniehrung