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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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A. Die Tracht. Frankr., Engl. , Niederl. Kleidung im Allg. (14801500). H3

wiederum an Frankreich fiel, war der so höchst gesteigerte Aufwandunter den Vornehmen überhaupt bereits so allgemein geworden, dass eswohl den Einsichtsvolleren mehr als bedenklich erscheinen musste. Indem eitelen Bestreben des höheren französischen Adels es dem reichenburgundischen Adel womöglich noch zuvor zu thun, waren von jenemallmälig Viele theils durch Veräusserung ihrer Güter, theils durch kaumtilgbare Verschuldung auf den sichersten Weg geratlien sich vollständigzu Grunde zu richten. Die Bemühung Ludwigs XI. dem durch das Bei-spiel seiner eigenen äussersten Einfachheit zu begegnen *, blieb im Ganzenohne Erfolg. Und erst nachdem es sich Karl VIII . (1483 lfis 1498),trotz seiner persönlichen Neigung zum Prunk und zur Zierlichkeit in derTracht, ernstlich angelegen sein liess den Kleideraufwand gesetzlich zuregeln, trat darin, obschon vorerst auch nur sehr langsam, eine wenn immer-hin auch nur geringe doch förderliche Beschränkung ein. In seiner daraufbezüglichen Verordnung, welche um 1485 erschien, wurden, mit Ausnahmedes höheren Adels, Jedem bei hoher Geldstrafe und bei Verlust derGegenstände Kleider vondrap dor und ,, dargent, von Seide und indoublures untersagt. Für den reicheren Adel an sich bestimmte siedass dieChevaliers, welche zweitausend Livres Rente (etwa zweiund-vierzigtausend Francs) besassen, alle Arten von Seidenstoffen, und fernerdass dieecwyers, die eine gleiche Einnahme hätten,drap de damas,satin ras undsatin figure tragen dürften. Die Gold- und Silber-stoffe aber blieben ausschliesslich dem vornehmsten und höchsten AdelVorbehalten.

Von grösserem Einflüsse auf die Bekleidung als gerade diese Verord-nung, die überdies lediglich die Stoffe betraf, den Schnitt dagegen ganzunberührt liess, sollte, und nun auch in letzterem Punkte, der kaum ein-jährige Feldzug werden, den Karl VIII . zu Ende des Jahrs 1494 gegenItalien unternahm. Bis dahin hatte man die einmal gewohnten Grund-gestaltungen im Wesentlichen beibehalten oder doch höchstens im Einzel-nen eben nur launenhaft leichthin gewechselt; in Folge indessen derdurch diesen Krieg in Frankreich gewonnenen noch näheren Kenntnissder eigenthümlich italienisch kleidlichen Besonderheiten, begann mandaselbst nun eben diese theils den einheimischen Modeformen anzupassen,theils aber auch ohne Weiteres nachzuahmen, wodurch denn die dortige

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1 Zufolge der Nachricht Philipps Commines (Memoires sur lhistoirede Louis XI. Paris 1524; neu von Lenglet du Fresnoy. 1747) kleidete sichLudwig XI. bei gewöhnlichen Vorkommnissen stets so knapp und de schlechtals es nicht anders sein konnte. Sparer indessen, nachdem die Fabrikation derSeide in Frankreich eingefiihrt und die Manufacturen von Lyon und Tours gegründet waren, trug er sich reich wie niemals zuvor und kleidete sieh zumeistnur in Gewänder von karmoisinrother Seide u. s. w.

"Weiss , Kostümkunde. III .

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