114 I. Das Kostüm vom Beginn des 14 . bis zum Beginn des 16. Jahrh.
Bekleidung an sich, da jene Besonderheiten vorwiegend noch auf alt-römischer Ueberlieferung beruhten, allmälig wiederum mehr das Geprägevon einer den Formen des Körpers entsprechenden, naturgemässeren Durch-bildung gewann, ohne den Reichthum der Ausstattung selber irgend wiezu beeinträchtigen. In der weiblichen Bekleidung zeigte sich dies amErsichtlichsten, doch trat es auch in der männlichen Tracht, wenn-gleich auch im Ganzen langsamer hervor, da diese vorwiegend die ein-mal bestehenden Unförmlichkeiten auch noch ferner, ja vereinzelt selbstbis zum Schluss dieses Zeitraums fortsetzte.
So, was die männliche Kleidung betrifft, bewahrte diese die ihreinerseits eigene Kürze und Enge durchaus. Beides erstreckte sich nachwie vor gleichmässig auf Rock und Beinkleider und blieb somit für denGesammtcharakter der Erscheinung massgebend. Welche Wandlungen sieauch noch erfuhr, sieht man von den daneben gebräuchlichen weiteren(Ueber-) Gewändern ab, sie sämmtlich bewegten sich innerhalb der einmalso festeingehaltenen Grenzen, gleichsam nur durch sie bestimmt und gebun-den. Sie beschränkten sich demzufolge auf die Art der Ausstattung haupt-sächlich und, in Anbetracht der Form, fast lediglich tlieils auf Ermässigungder hohen Schultern oder „mahoitres“, theils, um das kostbare Linnen-hemde noch entschiedener zur Geltung zu bringen, auf Vermannigfachungund Zunahme der eben deswegen auch schon früher eingeführten Auf-schlitzungen. An diesen Aufschlitzungen insbesondere erging sieh nun-mehr die Veränderungssucht; und indem sie dieselben fortan unterschied-lich an den Ermeln sowohl unter- als oberhalb ein- oder mehrfach an-brachte, auch den Rock selber vor der Brust von den Schultern bis zurMitte der Taille herab breit ölfnetc, dort das Hemd weit herausbauschte,hier einen gewöhnlich zwar glattanliegenden, doch reich geschmücktenBrustlatz zeigte, und dies Alles mit kostbaren Schnüren von Seide, Silberoder Gold bezog, welche zwischen den Rändern der Schlitze überkreuzbefestigt wurden, vermochte sie der Bekleidung an sich allerdings aber-mals den Reiz des Wechsels und der Neuheit zu verleihen. So aberblieb man auch hierbei nicht stehen, sondern beliebte nun auch wohldie Schösse am Rock zu den Seiten ganz zu entfernen, und selbstauch die Beinkleider oberhalb, ja zuweilen auch unterhalb, namentlichvorn und längs der Waden, ganz demähnlich aufzuschlitzen. Auch gingenwohl einzelne Stutzer noch weiter, indem sie, im Uebrigen mit Beibehaltder bald engeren bald weiteren Schlitze, lediglich nur um ihren Halsund ihre Arme nackt zeigen zu können, den Brustlatz gelegentlichäusserst tief über die Schultern herab und die Ermel bis zur Armbiegeabkürzten, ja zuweilen auch selbst längs dem Rücken einen dem Brust-ausschnitt ähnlichen, tieferen Ausschnitt anbrachten. Die Ermel pflegteman, trotz der Schlitze, gemeiniglich sehr eng zu tragen, was denn die