Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
143
JPEG-Download
 

A. Tracht. Franke,, Engl. , Niedert. Abzeichen d. versch. Stände. 143

schleppende Länge aus (Fig. 73). — In Betreff des Präsidentenund der Käthe des Parlaments bestand in Frankreich der Ge-brauch, dass der König alljährlich dem ersteren neue Gewänder vonEkarlat, durchweg mit Hermelin gefüttert, und eine Kappe oder „ Mortier “von Sammt mit goldenen Reifen geschmückt, den Räthen ebenfalls Ge-wänder von Ekarlat zukommen liess; indessen zählten wohl diese Beamtenschon während des fünfzehnten Jahrhunderts in Wahrheit kaum mehr zuden königlichen IIaus beamten im engeren Sinne, vielmehr bereits zu deneigentlichen sogenannten Staatsbeamten.

Auch innerhalb der übrigen Klassen der Gesellschaft hattesich verhältnissmässig schon frühzeitig die Neigung zu besonderen, Rangund Thätigkeit bezeichnenden Unterschieden in der Tracht allgemeinergeltend gemacht. Bereits seit der festeren Herausbildung des Städte-wesens und der damit verbundenen Gliederung des BUrgerthums in gc-werbtreibende Körperschaften, Beamte, Gelehrte u. s. w., war man auchdazu vorgeschritten. Indessen, wie weit dies auch schon vordem zuersichtlichem Ausdruck gelangte, blieb doch auch dies, zum Theil mitaut Grund der sonstigen äusseren Verhältnisse, mindestens noch bis zumBeginn des fünfzehnten Jahrhunderts sehr schwankend, ja hinsicht-lich wirklicher Verordnungen auch selbst noch während dieses Zeit-raums immerhin auf nur vereinzelte, wenig durchgreifende Maassnahmenbeschränkt.

Ucber ein derartiges Verhalten im vierzehnten Jahrhundert giebt,zuvörderst in Betreff England’s, der Dichter und erste Wiederherstellerder englischen Sprache Geoffrey Chaucer (1328—1400) in seinen ge-schätzten „Canterbury Tales “ ebenso bemerkenswerthe als zuverlässigeHinweise. Demzufolge zeichnete sich der Junker durch ein mit weissenund rothen Blumen durchwirktes kurzes Kleid mit langen und weitenHängeermeln und sorglich gepflegtes Lockenhaar aus. Der yeoman“

(Freisasse) trug einen Wamms und eine Kappe von grüner Farbe;,darüber an einem grünen Bande, um die Schultern hängend, ein Hift-horn, und unterhalb des Gürtels befestigt ein Bündel Pfeile, deren Endenmit Pfauenfedern geziert waren; Schwert und Schild an der einen Seite,,den „gay dagger“ oder Dolch an der anderen und in 1 der Hand dengrossen Bogen. Sein Arm war zum Schutze gegen den Anschlag derBogensehne mit einer zierlich gearbeiteten Binde oder Schiene, und seineBrust mit dem silbernen Bilde des heiligen Christophs, des \Schutzpatronsder Jäger und Bogenschützen, geschmückt. Der Kaufmann erschienin einer „getheilten“ oder doch gemischt farbigen Bekleidung mit einemdoppeltheiligen Bart, einem „flandrischen“ Filzhute und zugenesteltenHalbstiefeln; der ^fvaifikelein oder Gutsbesitzer (Landedelmann) ins-besondere mit Gürteltasche und Gürtelmesser; der Seemann in einem