Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
161
JPEG-Download
 

A. Tracht. Frankr., Engl. , Niederl. Bewaffnung (1350—1450). 161

ausserdem aber erfand man für sie, die vordem vorn völlig offen war,einen beweglichen Gesichtschutz („visiere, avanttaiUe; aventail“),bestehend aus einer metallnen Klappe, welche, dem Gesicht entsprechendgewöhnlich mehrkantig ausgeschmiedet und mit Augenöffnungen („vues“),Luftlöchern u. dergl. versehen, vermittelst eines am Stirnrande befind-lichen Charniers befestigt ward 1 (Fig. 86 a. c). In Folge dessen, dadurchdiese Hauben zu „bascinez ä visieret“ wurden, verlor der überdies sehrschwere und unbequeme Stülp- oder Topfhelm („heaume , casque;tilting-helmei“) wenigstens für den kriegerischen Gebrauch allmiilig seinefrühere Bedeutung, daher man ihn auch alsbald nur noch bei Turnierenanwandte. Im Weiteren aber erfuhr auch er eine besondere Umwandlung,die sich jedoch, nun vorzugsweise eben durch jenen Zweck bestimmt,hauptsächlich nur darin äusserte, dass man ihn immer seltner zur Hälftevon Leder und einzig vorn von geschmiedetem Eisenblech, vielmehr zu-nehmend häufiger gänzlich von Metall fertigte; dass man ihn den oberenSchultern passlicher anzufügen suchte und, abgesehen von den Helm-zierden („cimiers, crests, quintises“ u. a.), womit man nur ihn aus-stattete (Fig. 86 b) , die zum Athmen und zum Sehen erforderlichenOeffnungen stets zweckgemässer anordnete. Vor allem wurden die Augen-schlitze gemeiniglich mehr und mehr erweitert und durch darüber genie-tetes oder aus dem Ganzen getriebenes schmales Spangenwerk gesichert.

Den Schild, der bei so vermehrter Verstärkung des Oberkörpers,vorzüglich der Arme, im Grunde immer entbehrlicher ward, beliess manhinsichtlich sowohl der Form als auch der Weise ihn zu tragen ohnemerkliche Umwandlung (Fig. 86 c). Erst nach der Mitte dieses Zeit-raums, etwa seit 1360, kam neben ihm, dem „Dreieckschilde“, eine neueSchildform auf, die aber dann auch erst im Verlauf bis zum Beginn desfünfzehnten Jahrhunderts, zugleich mit der noch fortgesetzten Durch-bildung der Schutzrüstung überhaupt, nach mannigfach zwecklicher Fort-gestaltung allgemeinere Verwendung fand (s. unt.) —

Die nun eben während dieser Zeit, der zweiten Hälfte des vier-zehnten Jahrhunderts fortdauernden Verbesserungen beliefen sichvorzugsweise darauf, einmal, dass man die noch zumeist von „gebranntem“Leder gefertigten Theile zunehmend durch gänzlich von Metall geschmie-dete Platten u. dergl. ersetzte, und dass man diese, demungeachtet, innoch weiterem passlicher und beweglicher zu gestalten suchte.

Die Armschienen und die Beinschienen, die bereits je aus

1 Die Annahme (R. Planchd. British Costume S. 159 und W. FairholtCostume in England S. 168), dass diese Helmform erst unter der ReeierunvKichard’s II. (1377—1399) auftritt, wird durch Grabdenkmale früheren Datums 8wie durch die hier unter Fig. 86 a. c gegebenen, welche der Zeit von 1347 bis1350 angehören, widerlegt.

Weiss, Kostümkunde. III .

11