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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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A. Tracht. Deutschi. u. Scandinav . Kleid, im Allgem. (1300—1350). 201

fachen Bekleidung beharrten, vermochten sie dennoch kaum Weiteres, alsden so einmal begonnenen Zug auf nur wenige Zeit hin aufzuhalten. ImGanzen fuhr man unbeirrt fort, das altherkömmlich Eigene mit demFremden zu vermischen. Und wie es denn in derartigen Fällen gemei-niglich zu geschehen pflegt, suchte man hier auch zuvörderst hauptsäch-lichst die auffälligsten Besonderheiten nachzuahmen und womöglichzu iiberbieten. Somit Hess man sich vorzüglich die noch weitere Aus-bildung der lappenartigen Hängeermel, der langen Schwänze an denKapuzen und der sogenannten Zaddeln, ja bis zur Uebertreibung hin,besonders angelegen sein; auch begann man nun wiederum, gleichfalls vonFrankreich her angeregt, die Spitzen der Schuhe zu verlängern. — Nichtganz so eifrig dahingegen bewies man sich in Nachahmung der Ver-engerung und Kürzung der Gewänder. Zwar nahm auch dafür die Nei-gung zu, doch währte es noch einige Zeit bis dass sie allgemeiner ward.Noch bis um die Mitte des Jahrhunderts, wo endlich auch diese Neuerungdurchgängiger ihren Sieg feierte, zählte wenigstens eine solche völlig eng-anschliessende Gewandung, wie in Frankreich und England bei beidenGeschlechtern schon seit Jahren vorwiegend üblich geworden war, alsstutzermässige Ausnahme (Fig. 96 a. b. c; vergl. Fig. 37 ff.). —

Mit den Worten jenes Chronisten zum Jahre 1350 „und machtendie Leute neue Kleidung“ ist der nunmehr durchgreifende Umschwungin der Tracht überhaupt genau bezeichnet. „Nun waren“ — fährt derErzähler fort zunächst in Betreff der männlichen Kleidung — „dieRöcke unten ohne Girnen, und sie waren auch nit gekürzet, sondern langund dergestalt enge, dass ein Mann nicht wohl darin schreiten mochte,und gingen eine Spanne unter die Knie; da fingen auch die Schnabel-schuh an.“

„Die Frauen trugen neue Hauptfinstern, so dass man die Brüstebeinahe halb sähe. Wiederum auch machten die Männer Röcke kurz eineSpanne unter die Gürtel; auch trugen sie Heuken, die waren alle rundund ganz, die hiesse man Glocken, die waren weit, lang und auch kurz.“

Gegenüber einer derartig fast plötzlichen Umwandlung, die in derThat wohl geeignet war die Einsichtsvolleren zu beschäftigen und fürdie Zukunft besorgt zu machen, blieb es nicht aus dass sich sofort auchstädtische Behörden gedrungen fühlten dem möglichst kräftig entgegenzu wirken. Schon vordem hatten sie hier und da dem allmälig wach-senden Uebel durch Verordnungen zu steuern versucht, trie unter anderemin Nürnberg um 1343, um den zunehmenden Aufwand der Weiber inSchmucksachen zu beschränken; von nun an indessen richteten sie ihrenBlick nicht mehr nur auf Einzelnes, sondern blieben fortdauernd bemühtden in Verein mit den Neuerungen steigenden Luxus nicht sowohl imGanzen zu ermässigen, als auch zu den verschiedenen Ständen in ein