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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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206
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206 b Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.

Das Beinkleid wurde vorerst nicht geändert. Man behielt die einmalauch dafür angenommene Gespanntheit hei. Doch blieben wohl noch ge-raumere Zeit und in weiterer Verbreitung neben den jetzt völlig geschlos-senen Hosen die älteren Einzelbeinlinge üblich. Was der Verfasser derLimburger Chronik unter den von ihm erwähnten „grossen weitenPloderhosen“ versteht (S. 203), möchte sich schwer entscheiden lassen.Die gleichzeitigen Darstellungen geben darüber kaum einigen Aufschluss.Hatte der Verfasser hierin der That eine nur faltige, langherabreichendeHose im Sinne — wobei denn vorauszusetzen ist, dass man diese Art vonHosen in die (Strumpf-)Schuh zu stecken pflegte — dürfte solcher Ge-brauch immerhin, wenn nicht allein auf die niederen Volksklassen, nurörtlich beschränkt gewesen sein. Die ganzen Hosen hiessen „lange Le~dersen.“

Die spitzen Schnäbel an Füsslingen und Schuhen und die soge-nannten „Kugeln (Gugeln, Kogtln“ oder „Gogeln“) — eine Bezeich-nung, dem lateinischen „cucullus“ (Kappe) nachgebildet — blieben mitein Hauptgegenstand eigener Bethätigung. Nicht lange, so übertrjeb manin Beidem, verlängerte jene weit über das Maass, während man an den„Kugeln“ vornämlich das Lappen- oder Zaddelwerk und die Ausdehnungder Spitzen bis zur Unförmlichkeit ausbildete. Ohne Rücksicht auf dieVerordnungen, welche sich, wie die von Frankfurt gleich schon um 1350und dann jene des Raths von Speier um 1356 nachdrücklich dagegenerhoben, und ungeachtet aller noch ferneren dagegen gerichteten Maass-nahmen, ja obschon auch darunter einige für die Schnäbel eine Breite vonzwei Querfinger gestatteten, iibcrliess man sich sowohl hierin als auchin Gestaltung der Gugeln allgemein gänzlich der eigenen Laune. DieGugeln wurden an den äusseren Rändern immer vielfältiger ausgezacktund, war mit ihnen ein Kragen verbunden, dieser ebenfalls ringsherum,zuweilen mehrfach übereinander, in der gleichen Weise verziert. Ausser-dem richtete man sie nicht selten vorn bald ganz, bald nur unterhalbzum Zunestcln oder zum Zuknöpfen ein, was vornämlich in Böhmen ge-bräuchlich war, wo man sie gemeiniglich bis zu den Augen zu schliessenpflegte. Die Spitzen oder Zipfel wurden weit über das gebotene Maassvon anderthalb Ellen hin ausgedehnt, immer häufiger schwanzförmig ge-wunden oder auch mit Zaddeln besetzt, und das Ganze überdies vonmöglichst auffälliger Farbe beliebt.

Bei weitem am wenigsten beschäftigte man sich mit den Mäntelnund Oberkleidern; auch scheint es, dass man sich die in Frankreich undEngland gleich von vornherein allgemeiner üblichen langen und weitenOberröcke (S. 72), wie solche in Strassburg doch vorerst nur ausnahms-weise aufkamen, kaum eher als während des späteren Verlaufs der zwei-ten Hälfte des Jahrhunderts wirklich durchgängiger aneignete (s. unt.)-