Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
216
JPEG-Download
 

216 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jalirh.

sächlich der Fall, indem sie sich fortan nach Beheben bald (mit diesemGewände) weit, bald, wie seither, eng kleideten. So im Besitz einerzwiefachen Kleidung, welche ihrer Beschaffenheit nach den schroffstenGegensatz bildete, Hessen sie es, vielleicht eben dadurch noch besondersangeregt, bei ihr denn auch nicht unversucht sie und zwar gerade inSteigerung ihrer Gegensätzlichkeit je noch eigens fortzugestalten. Und wieman einerseits den T apport, nach französischem Vorgänge, nicht unbe-trächtlich erweiterte und ihn an den Ermeln u. s. w. reichlich mit Zaddel-werk versah (S. 74), machte man andrerseits die schon an sich knappeBekleidung noch zunehmend knapper, ja nicht selten so kurz und eng,dass es das Schamgefühl verletzte, und mithin sieh nun einzelne Behördengeradezu genöthigt sahen ausdrücklich zu verordnen, wie unter anderemder Rath zu Constanz im Jahre 1390: „dass wer in einem blossenWamms zum Tanz oder auf die Strasse gehe, solle es fein erbarliehmachen und die Scham hinten und vorne decken, dass man die nichtsehen möge.“ — Jene langen Tapperte, die man ausser mit Zaddel-werk auch noch anderweitig reich, mit Pelzbesatz u. dergl. schmückte,erhielten sich im gewöhnlichen Verkehr doch kaum bis zu Anfang desnächstfolgenden Jahrhunderts, von da an sie, anderen Formen weichend,hauptsächlich nur noch in der Eigenschaft eines Hof- und Staatskleidesverbheben.

"Weniger Anklang fand die in Frankreich etwa um 1380 auftauchendeMode der gesteiften Halskrägen und der hochaufgepolstertcn Schulternoder sogenannten „mähoitres,“ die man daselbst zunächst vorwiegend mitderartigen Gewändern verband (S. 74). Dagegen eignete man sich vondort, unter allmäligem Aufgeben der Gugel, nebst" sonstigen Formen vonKopfbedeckungen die reichstoffigen faltigen Kopfbunde mit besondererVorhebe an (Fig. 43); auch kamen die Hüte in Aufnahme.

Ungeachtet die weiten Gewänder den Mantel im Grunde entbehrlichmachten, behielt man ihn auch dafür bei, ohne ihn wesentlich zu verän-dern. Man beschränkte sich darauf ihn gelegentlich zu kürzen und anden Rändern auszuzaddeln (Fig. 38).

Bei der weiblichen Bekleidung waren es und blieben es vorzugs-weise der obere Rock und die Kopfbedeckungen, so wie auch der Schmucküberhaupt, daran sich che Laune und Eitelkeit bei weitem am meistenbethätigten. An dem Rock selber allerdings betraf dies einstweilen nochweniger die untere Gewandmasse, die man höchstens zunehmend schlep-penartig erweiterte, als vielmehr den oberen Theil, welcher Brust undRücken umschloss. Dieser nun wurde immer tiefer über die Schulternhinabgerückt, so dass gleichmässig wie die Brüste auch der Rücken un-bedeckt bheb, und überdies, nach französischem Brauch, um jene rechtüppig erscheinen zu lassen, vermittelst eines eigenen gewöhnlich breiten