A. Tracht. Deutschi. u. Scandin. Kleid, im Allgem. (1450—1500). 227
zu befestigen (S. 224), überdies auch stets grösseren Werth auf die künst-liche Durchbildung der zu ihrer Anheftung erforderlichen Nadeln zu legen.Die zur Verhüllung von Kinn und Hals schon seither insbesondere vonälteren und verheirathcten Weibern allgemeiner getragene „Eise“ wurdemitsammt den vorn gekrausten Hauben oder „Kruselern“ oft selbst biszum Uebermass bekräuselt, und dem nicht selten sogar noch ein eigenesKopf- und Nackentuch beigefügt (Fig. 101 cj.
In Betreff der Anordnung des Haars gab man allmälig vor denLocken den aufgebundenen Flechten den Vorzug, es in noch erhöhteremMaasse wie die stutzerhaften Männer durch mehr oder minder mit Ro-setten, Edelsteinen verzierte Goldreife, künstliche Kränze, gestickte Bändernebst bunten Federn und Blumen, schmückend. Der Aufwand aber inSchmuck überhaupt, sowohl in eigentlichen Schmucksachen als auch inZierbesätzen der Kleider, blieb in stetem Steigen begriffen, und wer nichtAechtes bezahlen konnte, begnügte sich mit Unächtem, für dessen Be-schaffung sich hie und da schon seit länger selbst eigene Handwerker-innungen gebildet hatten.
Dies Alles aber, so weit es auch schon jedes gebürliche Maassüberstieg, sollte dennoch etwa seit der Mitte des Jahrhun-derts im Ganzen und Einzelnen durch mancherlei Mischung und Um-gestaltung eine noch immer auffälligere und tiefergreifendere Stei-gerung erfahren. Der Anstoss dazu kam wiederum vorwiegend vonFrankreich her, doch nun nicht mehr unmittelbar, sondern vornämlicli nurin Uebertragung, sofern eben jetzt sich der Hof von Burgund und zwarzuvörderst für Frankreich selbst in Allem, was äusseren Aufwand betraf,zum herrschenden Tonangeber erhob (S. 102). Diese Art der Vermit-telung indess, bei der zugleich auch bei den Vermittelern eine vorgängigeVermischung des ihnen bereits Eigenen mit dem als neu Hinzutretendenfüglich wohl nicht ausbleiben konnte, musste mithin bei deren Aufneh-mern nur noch um so mehr dazu beitragen ihren schon so geneigtenSinn für das möglichst Absonderliche in noch Weiterem zu verwirren.Und so geschah es auch in der That. Mit der zunehmenden Aneignungder so zum Theil erst durch französischen Vorgarig überkommenen bur-gundischen Moden im Verein mit dem Bestreben einerseits das bereitsals gefällig anerkannte Uebliche nur dem entsprechend fortzugestalten,andrerseits aber in eigener Bethätigung willkürliche ^Formen zu ersinnen,verlor sich allmälig jedes Gesetz und jede Regel in einem Gemisch vonzum Theil äusserst seltsamen sich oft widersprechenden Bildungen, ledig-lich darauf berechnet das Auge zu beschäftigen. Wer dies zumeist zuerreichen wusste, hielt sich und galt auch in seinem Kreise für den aus-erwählten Mann. Das StutzeTthum beiderlei Geschlechts begann von jetztan erst recht eigentlich seineBlüthezeit zu feiern. Sich fortan jedweder