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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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406
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406 Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.

Bestreben nach Annehmlichkeit und Bequemlichkeit. Die Bedürfnissevermehrten sich und weckten neue Bedürfnisse. Der Aufwand in geri üb-lichen Dingen hauptsächlich zu wohnlicher Ausstattung, der auch selbstbei Vornehmsten und Reichsten stets nur vereinzelt geblieben war, ge-wann nun nicht nur unter diesen bald die allgemeinste Verbreitung, viel-mehr erstreckte sich von da aus, wenigstens verhältnissmässig, auch aufdas begütertere Bürgerthum. Somit wurden denn aber auch die Gewerkezu äusserster Thätigkeit angespornt und fortdauernd darin erhalten.Vorläufig noch ohne schädlichen Ueberfluss an Arbeitskräften, davor siesich wohlweislich zu wahren wussten, fühlten sie sich in ihrem Schaffendurch den ungeschmälerten Absatz ihrer Erzeugnisse gesichert. Dazukam, gerade das noch begünstigend, die ungemeine Ausdehnung, welcheder Betrieb des Handels seitens des Hansabundes erfuhr, dadurch sichihnen zugleich der Weg für den Absatz im Grossen erweiterte. Auchtrug wiederum nun dies insbesondere zu ihrer Ausbildung noch andrer-seits bei, sofern ihnen eben jetzt durch jenen Betrieb die mannigfachstenVorbilder als auch die verschiedenartigsten Rohstoffe und selbst auchwohl mancherlei Handwerksgeräth in grösseren Massen zugeführt undzugänglicher gemacht wurden.

Unter so bewandten Umständen konnten innerhalb der einzelnenGewerkszweige bedeutsamere Fortschritte, wie namentlich auch in derBehandlungsweise, nicht wohl ausbleiben. Die sich höher steigern-den Ansprüche drängten dazu und lenkten das Bestreben, es Einanderzuvorzuthun, auf andere Bahnen. Der Geist, einmal aus den engenFesseln der Ueberlieferung befreit, begann sich mit erneuerter Kraftselbstschöpferisch zu regen. So lehrte er das bereits Gewonnene zweck-entsprechender zu verwerthen und überdies, auf Grund der Erfahrung, eszu verbessern und aus ihm heraus neue Ergebnisse zu gewönnen. Inallen Zweigen fanden sich mehr oder minder befähigte Köpfe, welche ährganzes Denken und Trachten auf diesen Punkt zusammenzogen. NeueErfindungen tauchten auf, und da cs noch nirgend ein Gesetz gab, welchesderen Urheber das Recht der ausschliesslichen Nutzung derselben zuge-stand oder sicherte, wurden sie, ungeachtet man sie zumeist geheim z 11halten suchte, dennoch alsbald theils durch Uebertragung seitens der wan-dernden Gesellen, theils durch sich selber zum Gemeingut. Und ebensofand eine ziemlich rasche allgemeine Ausgleichung, ja der Sache nach wnoch erhöhterem Maasse, in Betreff der hier und da neu erfundenenFormen statt. Denn war erst einmal das Vorbild verbreitet, bot dessenNachbildung und Vervielfältigung kaum noch Schwierigkeiten dar. U eldem Allen beobachtete man, und eben dies gab den Erzeugnissen selberzugleich mit ihnen inneren Werth, dass ihre Gestaltung stets dem Stofle,aus welchem sie bestanden, möglichst entsprach.