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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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498 L ^ as Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jabrli.

galt jedoch als eine höchst ausnahmsfällige Besonderheit, die man ih®um so mehr verdachte, als sich dadurch die Bürger der Stadt des altenEhrendienstes, den Baldachin über ihn zu tragen, beraubt sahen. Ueber-haupt aber blieb der Gebrauch von Personen-Wägen seit der dahin be-züglichen Verordnung Ludwigs des Schönen (um 1294), als ein Theilder Hofetiquette, wesentlich den fürstlichen Damen und ihrer nächstenweiblichen Umgebung Vorbehalten; und wenn auch der begütertere Bürger-Stand hie und da eigene Wägen für sich in Anwendung brachte, zähltedies immer, und noch zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, zu denselteneren Vorkommnissen, denen man überdies, als einem unstatthaftenPrunke, zu wehren suchte. Einen ausnehmend kostbaren Wagen, de 1 'sich vielleicht auch dadurch auszeichnete, dass sein Kasten in Rie® e11hing, schenkte um 1457 der ungarische König Ladislaus V. an MarUhdie Gemahlin Karls VII. von Frankreich . Derselbe erregte am französi­ schen Hofe ungemeine Bewunderung, sofernman darin beim Fahrenin so überaus angenehmer Schwebung (branlant) geschaukelt werde

War hiermit in Wahrheit schon eine derartige zweckmässige Verbesserung

verbunden, 2 scheint doch auch sie kaum vor jenem Zeitpunkt weiter eNachahmung oder Verbreitung gefunden zu haben. Genug, die alther-kömmliche rohe Bauart änderte sich nicht. Nach wie vor fuhr man f° rtdie Räder von gleichem Durchmesser mit sechs oder acht Speichen her-zustellen, den Wagenkasten in einfachster Form mit festen Lang- °^ eIQuersitzen zu beschaffen, unmittelbar auf den Achsen zu befestigen, unmit einer von Stangen oder Reifen gestützten Bedachung, einem sog e "nanntenPlan, auszustatten (Fig. 203). So auch behielt man die aft eArt der Bespannung, zwischen einerScheere, vermittelst Knmbgeschäjnebst Zugseilen oder Seitensträngen bei, ja schritt noch nicht ein® 8durchgängig zur Beschaffung eines eigenen Sitzes für den Lenker, d ergemeiniglich wie seither auf einem der Zugpferde reiten oder nebenh ergehen musste. Die einzigen merklichen Wandlungen, welche statt hatte®betrafen lediglich die eigentlichen Staats- oder Prachtwägen, und auCnur hauptsächlich den Umfang und den Schmuck. Sie fertigte man, J enach Erforderniss, von sehr verschiedener Grösse, vornämlich im f unzehnten Jahrhundert nicht selten von beträchtlicher Länge, so dasszwanzig und mehr Personen darin Platz hatten, und stattete sie auf a

1 Die Bezeichnungchar branlant kommt in Frankreich bereits senEnde des vierzehnten Jahrhunderts wiederholentlieh vor (vgl. M. de L ab 0l ^ { .Notice des dmaux etc. du musee du Louvre. II. Glossaire p. 208). D aS ®unter aberhängende Wägen zu verstehen seien, wie mau wohl g eneI ® nanzunehmen, muss immerhin zweifelhaft bleiben, da solche sich in gleichz® 1Abbildungen vor dem Beginn des sechBzehnten Jahrhunderts schwerlich Tfinden dürften.