• Geschichtliche Uebersicht.
939
kriegerischen Beziehungen, noch unterstützt durch das von ihm cingeführtcGesandtschaftswesen, zunehmend neue Nahrung. Nach Aussen allerdingsgesichert, auch, freilich mit auf Kosten des bürgerlichen Wohlstands,an Iiülfsniitteln reich genug, befand sich das Land doch hinsichtlichseiner inneren Zustände, der Gegenstellung der Parteien, der YertheilungGes Besitzes, der Stellung der Stände zu*einander, des Aufwands undder Entsittlichung, bald nahezu auf demselben Punkte, wie vor Heinrich IV. Hie tiefentsittlichende Wciberwirthschaft setzte sich überdies als Erbtheilfort. Denn wenn auch Ludwig XIII . selber kaum einigen Sinn dafüruiitbrachte, vielmehr, einzig ausser der Jagd, eine düstere Ruhe liebte,auch Richelieu eine tiefere Neigung zum anderen Geschlechte wederkannte noch zu würdigen vermochte, und sich nun auch das Leben amHofe demgemäss zusammenzog, bewirkte dies wohl eine 'Wandlung derl'orin, doch ohne am Kerne etwas zu bessern. Nur das äussere "Ver-halten änderte sich. Und während es jetzt bei den Männern von obenherab üblich wurde den Weibern mit Gleichgültigkeit zu begegnen, siescheinbar zu vernachlässigen, begannen nun sie alle Reize der \ erführung
,,l u so freier wirken zu lassen. So dies aber nun von einzelnen geistvollen
Schönen, wie Marion de Lonnes und Nimm de Lenclos, förmlich zu einerKunst ausgebildet, galt denn die Erlernung solcher Kunst bald selbst inden mittleren Ständen als ein nothwendiges Erforderniss standesgemässerJugenderziehung. — Freilich wohl hatte dies eine Kehrseite. Nicht alleindass in dem an sich schwer belasteten Bürgerthum ein Widerspruch gegensolches Verhalten fortlebte, ja sich steigerte, fehlte es auch nicht an vor-nehmen Damen, welche im beschämenden Gefühl der Entwerthung ihresGeschlechts theils in Rückblick auf ihre Jugend zu eifriger FrömmigkeitUmschlugen, auch wohl beschlossen ihre Sünden in einem Kloster ab-z ubüsscn, theils sich aber aus dem Getriebe der grossen GesellschaftZl 'rückzogen, um sich, zu eigner Genugthuung, ernsteren Dingen znzu-"uniden, sich wissenschaftlich zu betluitigen. Im Ganzen jedoch war dieKehrseite immerhin auch schon von der Beize der grossen Gesellschaft zustark durchdrungen, als dass es der letzteren zu einem gedeihlichen ^ orbildeHätte dienen können. Dies liess die einmal allgemein gewohnte äussereFor, u nicht mehr zu. Sie aber, so der Zerfahrenheit der Zustände ge-
tnäss gefestigt, bildete beim weibliehen Geschlechte mit kaum lühlbarcnAusnahmen eine in Sprechweise, Geberdc und Tliat bis zur Uebei feinet unger heuchelte Natürlichkeit, sinnlich geschraubt bis zur Gunstv eischwendung,und beim männlichen Geschlechte eine Art von selbstbewusster strallerKngezveungenheit, V on leichthin bemessner Höflichkeit, mit einem Anllugv °n eigenwilliger ziemlich derber Schönthucrci; dies, überwiegend in derAbsicht der männlichen Würde nichts zu vergeben, gemeinhin bis zurPrahlerei, sogar bis zu einem leichtfertigen Spielen mit dem Leben über-