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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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schraubten, verschnörkelten -Manier, welche denn gerade im Gegensatzz u der sonstigen, herrschenden Haltung nur um so auffälliger erscheinenmusste. Auch glaubte man sich nun innerhalb einer derartigen Aus-druckweise wiederum Alles erlauben zu dürfen, so dass eben im Punkteder Sittlichkeit allerdings nicht viel gewonnen ward. Zudem bildetensich daneben ähnliche Gesellschaften ,aus, welche weder selbst nur denSchein einer Sittenstrenge erstrebten, noch, wie unter anderem der Kreisder Herzogin von Longueville, dauernd zu bewahren vermochten. Dochblieb die geistige Ueberlegcnheit der Weiber über die Männer nicht ohneErfolg.

Wie die Zustände einmal tiefst zerklüftet, wirr verschoben lagen, be-durfte es freilich schon einer absonderlichen Kraft, um ihnen nur einiger-Massen Gestalt und Halt zu geben. Die Weise, welche Ludwig XIV. gleich bei seinem ßegierungsantritte (1651) beobachtete, die Art in deret nach wenigen Jahren (1654) im Jagdkleide mit der Reitgerte daswiderspenstige Parlamente für immer einzuschüchtern wusste, zeigte dasser mindestens nicht gesonnen sei, sich irgend beschränken zu lassen.Enter der Vormundschaft seiner Mutter und Mazarins rücksichtslosemVorgehen aufgewachsen im VolksbegrilT absoluter Herrschermacht und inWillkür von Zerstreuungen, schön von Gestalt, geistig beschränkt, mit-hin bis zum Aeussersten eitel und so Alles nur auf sein Ich beziehend,konnte er aber auch um so bewusster auftreten, als er über ein Volkgebot, welches seit lange herangewöhnt war in seinem Herrscher unddem ihn umgebenden Glanz die Verkörperung unumschränkter Macht-vollkommenheit zu erblicken. So auch vom Volke mit Jubel begrüsst,ja im glücklichen Verfolg seiner sich weit verzweigenden Kriege bis zurVergötterung erhoben und in seinen friedlichen Unternehmungen, denumfassenden Kunstbauten, der Förderung der Wissenschaften, der unge-messenen Verschwendung in Steigerung des Hofaufwands, in FestlichkeitenU- s. f. vom Volke angestaunt und bewundert, übersah das Volk, vone °lchem Ruhme fast geblendet, nahezu an dreissig Jahren, dass Allesdies seingrosser König lediglich seiner Selbst willen, eben nur umunter den Grossen als der Grösste erachtet zu w-erden, auf Kosten desGemeinwohls betreibe. Allerdingjs erreichte er, dass man ihn denEin-igen nannte; auch, gestützt auf einen Minister wie Colbert (seit 1650),der durch umsichtige Förderung des Handels und der Gewerbthätigkeits ^ets neue Mittel zu schaffen wusste, die Erfüllung von dessen Wortdasss 'eh die französische Sprache in Europa verallgemeinere und die fran­ zösischen Modeformen alle Völker der ganzen Welt Frankreich dauerndgeneigt machen müsse; nicht minder auch gewann er auf Grund desv °u Richelieu begonnenen und von Mazarin fortgeführten Verbindungs-Systems mit den übrigen Reichen den weitüberwiegenden Einfluss auf das