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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.
Und wie der König, so die Uebrigen. Sein Verhalten war für dasVerhalten im Allgemeinen unbedingt maassgebend. „Der Fürst “ wiedaher Montesquieu sagen konnte, — „drückt die Eigenheit seines Geistesdem Hofe auf, der llof der Hauptstadt und die Hauptstadt den P* -0 'vinzen.“ Ganz ähnlich wie am Hofe zu Versailles bewegte man sichin den engeren Kreisen der Prinzen, des Adels und der sonstigen ^ or "nehmen; auch die mittleren Stände ahmten dem nach. Mit der anstands-mässigeren, bloss äusseren Form, ward für die Sittlichkeit nichts gewonnen-Wie sich die Weiber dem anderen Geschlechte gegenüber einmal entwerthet hatten, änderte sich in der Anschauungsweise über sie in 1Ganzen sehr wenig. Die offene Maitressenwirthschaft aber reizte sievielleicht noch heftiger, sich den Männern geneigt zu zeigen, sie zu besiegen nm sie zu beherrschen. Ja, und um solches Ziel zu erreichen,wozu ihnen ihr geistiges Uebergewicht wesentlich zu statten kam, e ytödteten sie nun geradezu, jede erdenkliche Intrigue versuchend, auch dieletzten Spuren von Weiblichkeit. Keuschheit und eheliche Treue gehörtenschon längst zu den Ungereimtheiten, wurden indessen jetzt namentiinnerhalb der vornehmeren Kreise gleichsam wie anstandswidrig veriacBeide Geschlechter, in der Empfindung für einander abgestumpft, verfielen in unnatürliche Laster. Unter einem pomphaft gespreizten äusser^liehen Anstandsthum, übten sie die schamlosesten Ausschweifungen aselbstverständlich. Nicht nur dass Weiber selbst höchsten Ranges 'h reGunst für Geld verkauften, bezahlten sie ihre Bedienten dafür, dass sidiese gefällig erzeigten. Prunksucht, rohe Völlerei, Spielwuth, ^schwendung und Verschuldung überstiegen jedes Maass. Geld! ward 1allgemeine Losung. Zahlreiche Männer aus der vornehmsten Klasse strebtenihre Verhältnisse durch reiche Heirathen, gleichviel aus welchem otazu verbessern. Der heimliche Mord nahm überhand, ja wurde derge®geläufig, dass Einzelne, wie die beiden Weiber La Vigoureux und La ^ 0?sl(seit 1676), kaum noch ein Bedenken trugen die Giftmischerei zu eifast offenkundigen Gew r erbe zu machen. ^
Dass solcher Verkommenheit ungeachtet die Wissenschaften
blühten und auch die Künste auf den von ihnen einmal einge=genen Bahnen im Ganzen rüstig vorschritten, war freilich nicht,
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oder
doch nur sehr mittelbar ein Verdienst ILudwigs XIV., der keinendafür mitbrachte, sondern fast einzig das Verdienst einer gebildeten•lichkeit und hauptsächlich des mittleren Standes, wo immerhin ^mehrentheils ein gesundererSinn, wie auch die Neigung zu geistiger^ a ,tiefung fortwirkte. Mit der von dem Cardinal Richelieu gestifteten „demie“ wurde solchen Bestrebungen eine festere Stütze gegeben,der durch Schrift und Wort sich erweiternden Erkenntniss von ^ en nSachen der Dinge die Prüfung und das Urtheil geschärft. Je weiter