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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

Gefühl, die Genugthuung zu gewinnen, die Machtwillkiilir und denkrypto-katholischen Despotismus gebrochen zu haben.

Der Fortentfaltung der Lebensweise, und mit ihr der Lebens-form, wurde gleich durch Karl II. eine eigene, bestimmte Richtunggegeben. Der König, von vornherein durch seine ausheimische Erziehungseiner Volkstümlichkeit entfremdet, dann aber nach seinem kaum zwei-jährigen Aufenthalte in Irland und Schottland (seit 1,651) während neunJahren unausgesetzt am Hofe Ludwigs XIV., als dessen gelehrigsterSchüler erwachsen, brachte die ganze dortige Verderbtheit, den Pracht-aufwand, die zügellose Ueppigkeit, Schwelgerei und Maitressenwirthschaftin ausgebildeter Elüthe mit. Zudem nicht blos, wie Ludwig XIV. , nurum selber der Erste zu sein, sondern geradezu als ein Feind höfisch-ceremoniellen Anstands gern jeden Rangunterschied verwischend, löstedenn er die äussere Form zu völligerer Ungebundenheit auf. Sonst abergestaltete sich dbr Hof in Allem, was die Weise des Lebens betraf»dem französischen durchaus ähnlich; und fand dies nun, wie die Ver-hältnisse lagen, nicht nur bei den Vornehmen übeihaupt, als auch selbstbei den mittleren Ständen allgemeinere Nachahmung. Allerdings gab esauch ferner immerhin keine gevinge Zahl, die solchem Treiben entgegenwar, sich auch dem, insbesondere während der abermals schärferenTrennung zwischen dem Hofe und dem Volk absichtlich gegenüberstellte jindessen bekundete sich dies jetzt wesentlicher in ihrer Anschauung, ihrersittlichen Haltung in Wort und That, als gerade noch in ihrem reinäusseren Gebahren. In dem Punkte trug auch hier mittelbar Frank­ reich den Sieg davon, ihn zugleich um so leichter behauptend, als, daWilhelm den Thron bestieg, es in dieser Richtung auch schon überHolland gesiegt hatte. Ueberdies kam dem eben jetzt die nunmehrig 6Rechtsausgleichung des eigentlichen Geschlechtsadels mit den iibrig enStänden besonders zu statten. Denn indem sich mit der Verzichtlcistungdes Adels auf seine Vorrechte die zwischen ihm und dem Volkslhumherkömmlich schroffe Schranke senkte, doch ohne ihn etwa durch E c "raubung seines Besitzes in seiner damit verknüpften Würde zu schä-digen, ward in beiden das Gefühl der Gemeinsamkeit belebt, mithin dasMittel zu gegenseitiger engerer Verknüpfung gefunden. Die Wissen-schaften gingen ihren Weg. Auch ausserdem, dass Karl 77.» selbsthierin als Nachahmer Ludwigs XIV. (um 1666) eine eigene Akademie»diekönigliche Societät gründete, was ihnen freilich zu Gute kam»schritten sie in Verfolg ihrer Ziele zu so hoher Blüthe vor, dass sienicht nur die französische Gelehrsamkeit weit überflügelten, auch, namentlich seit der Freiheit der Presse, vielseitig neue Bahnen brachen-Aber auch in den bildenden Künsten blieben Fortschritte nichtaus. Lnd während sich die Baukunst im Anschluss an ihre nächsten