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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

dass er dem äusserlichen Leben überhaupt kaum fühlbare Fesselnanlegte. Dieser, nicht müde das Verlorne wieder zu gewinnen, dauerndim Innersten erregt, hatte in dem Orden der Jesuiten , lediglich zu demZwecke, mit seiner ganzen geschichtlichen Macht die volle Macht deiWissenschaft, des wissenschaftlich geschärften Verstandes geeinigtund zu der seinigen gemacht: Dort überwiegend geistige Beschränktheitbis zu offner engherziger Unduldsamkeit; hier unter dem faltigen, beweg-lichen Mantel einer glatten, geschmeidigen, gefällig täuschenden Zurück-haltung, bei vielseitigst freier Bildung und scharfer Menschenbeobachtungein rücksichtsloses Vorschreiten. Die Fürsten waren, seit ihrervölligeren Verselbständigung vom Kaiserthum, in erhöhtem Selbstgemunumschränkterer Machtstellung aus der Gesammtheit mehr zurückgetreten, je mit einer von ihnen gewählten engeren Umgebung meist ausdem höheren Adelsstände zu einemHofe zusammengeschrumpft-^ inVolke war dadurch der Begriff der Unterthänigkeit kräftigst genährt,dem Adel hingegen um so mehr Einfluss auf die Regierung gebotenworden. Die anfänglich bedeutende Ueberlegenheit des Bürgerthums übetden Adel aber hatte, wenn auch nicht aufgehört, doch an Wirkungskr»verloren. Gegenüber der Stubengelehrtheit, welche sich so gerne asehliesst,, liessen sich die Vornehmen seit länger angelegen sein, ih' el1Blick, ausser durch Erwerbung bloss gelehrter Kenntnisse, durch Rei» eUin fremde Länder und längeren Aufenthalt daselbst vielseitiger zu schälund zu erweitern. Italien , England, die Niederlande und Frankre'waren die Hauptziele, jedoch, als die schon seit Franz I. allgemeinrühmte Schule feinst gebildeter Lebensart, vorzüglich Frankreich sHeinrich IV. (1589). Mit den gewonnenen Anschauungen brachten ^die fremden Sitten mit heim, nun diese innerhalb ihrer Kreise, mitwenigen Ausnahmen, zumvornehmen Tone ausprägend. Dazu kan 1 ®^dies begünstigend, die zwischen den Fürsten und auswärtigen Höfenenger verknüpfenden Beziehungen, wie ihre sich immer häufiger _holenden Gegenbesuche, wobei denn Frankreich ebenfalls der wCB .liehe Angelpunkt blieb. So aber waren die höheren Stände, derund das Bürgerthum einander bedeutend fremder geworden; und 'demnach Jedes bereits seinen eigenen Weg verfolgte, hatten sich nalieh die Fürsten , jedoch mit ihnen auch Alle die, welche ihnenstehen glaubten, mehrentheils, ja selbst absichtlich über die öffentlichenung erhoben. Handel und Gewerbthätigkeit standen, zufolg e ^langen Friedens, auf einer überaus günstigen Stufe; mithin auch ^ er jjgemeine Wohlstand. Allerdings war damit auch das Strebensinnlich reizvollem Lebensgenuss fast überall gleichmässig verbreitet, ^schon vielfach ausgeartet. Der Katholicismus versagte dies nicht ,mehr, wie er, und zwar gerade in den eigentlich katholischen Län