Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
959
JPEG-Download
 

Geschichtliche Uebersicht.

959

in Italien und Frankreich , ja selbst in Spanien gehandhabt wurde, for-derte eher noch dazu auf. Aber auch der Protestantismus liess dem beider Schärfung seiner Verstandesrichtung auf Kosten seiner versittlichendenMacht immerhin ziemlich weiten Spielraum. In diesem, eben reinäusserlichen Punkte hatte der Sinnlichkeitsdrang über den Ernst desLebens gesiegt oder, wohl richtiger, sich behauptet: Die anfänglicheSittenstrenge war längst einer Leichtfertigkeit gewichen, welche sich allenEinflüssen, die ihr entsprachen, durchaus überliess, der Begriff der Ehr-barkeit nun auch im Biirgerstande verschoben, und dieser selber hin-sichtlich seines äusseren Gebahrens mit dem Verhalten der vornehmenStände in einer Art von Wetteifer verblieben. Was sie sich von fremd-ländischen Sitten und Lebensformen aneigneten, suchte sich auch dasEiirgerthum, mit Ausnahme weniger städtischen Kreise, verhältnissmässigzu eigen zu machen. Es drang dies bis tief in die unteren Klassen, in-dem es denn vor allem da, wo es an Mitteln und Bildung fehlte umauch nur den Schein von Gesittung zu wahren, den Hang, doch als ge-bildet zu gelten, zu ungeberdiger Ziererei, die Putzsucht zu läppischerPrahlerei, und das Bestreben sich möglichst frei, ungebunden auszuleben,Zlu ' Spielwuth, Rauflust und Völlerei antrieb.

So etwa stand es um die Gesellschaft, als Oestreich sich zum Kampfeer bob. So wenig dieser bei seinem Beginne eine bestimmte Richtunger kennen liess, so wenig Hessen die Rache, welche Ferdinand II - nachEinern Sieg über den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (1628)Segen Böhmen , und (1621) gegen den Kurfürsten selber nahm, und dasser den Krieg in die Pfalz verpflanzte, ahnen, welchen Umfang und Ge-Präge er annehmen würde. Denn durch die unerhörte Härte, mit der^er fanatisirte Kaiser in Böhmen die Protestanten bedrängte, in Thatund Folgen kaum verschieden von dem Verfahren Philipps III. vonSpanien gegen die Maurisken und Ludwigs XIV. gegen den Kein derHugenotten , wurde der Kampf allerdings sofort zu einem Religionskiieggestempelt, ihm aber andrerseits durch das eigenmächtige Vorgehen gegenFriedrich V. , wie durch die Art, in welcher Ferdinand in Böhmen seineSoldateska schalten liess, das Gepräge der Revolution aufgedrückt. Sojedoch einmal eingeleitet, bewegte er sich fortgesetzt in dieser zwiefachenEigenschaft, je nach Zeit und Umständen wechselnd bald die eine, bald^' e andere vorherrschend. Alle äusseren und inneren Kräfte, Klugheit,es °nnenheit, Uebermuth, Frciheits- und Gewissensdrang in beständigerSpannung erhaltend, jedwede Leidenschaft erregend, entfesselnd, jedwedee gierde steigernd, sollte sich denn der Kampf nur zu bald zu einemampf Aller gegen Alle, zu einem Vernichtungskampf gestalten. Eines-teils kämpfte man in der Meinung für den Glauben einzustehen, und°P f erte sich doch wesentlich den weltlichen Zwecken der Mächtigen,