A. Tracht. Frankreich . Kleidung der Männer (1650—1670). 1003
Bacli unten sehr beträchtlich zu, und nächst den Rosetten auf demSpanne, welche nun mehr vorrückten, erhielten sie vorn am oberenRande in der Form von Bindebändern eine meist zweiflügelige, je seit-wärts gespreitzt abstehende Schleife. — Die über die Brust (querüber)zu hängende, reich gestickte Degenko pp el nahm an Breite und Längezu, dadurch denn der Degen tiefer herabsank ( Fig. 360a). — DieHandschuhe wurden mit farbigen Bändern oder denähnliehen Fran-zen besetzt; und der Hut, in seiner Gesteiftheit, verlor abermals anHohe, während die Krempe, wiederum wachsend, zur rechten und linkenRieht emporbog und an Federschmuck gewann.
Zu dem Allen erfuhr die Haartracht und damit die Gestaltung
Kragens eine durchgreifende Wandlung. Anfänglich wohl mochtesich der König, bei seinem jugendlich vollen Haar, nur ungern zu einerHer rücke verstehen. Jedoch schon gegen Mitte der fünfziger Jahreei gnete er sich solche an, und trug nun nicht allein dadurch zu ihrerVerallgemeinerung bei, vielmehr noch insbesondere, indem er um 1655nicht weniger denn achtundvierzig Hofperrückenmacher ernannte, undUrn 1656 eine eigene Körperschaft von zweihundert Perruquiers fürParis und die Vorstädte stiftete. Weit entfernt sich mit einer blossenWiederholung der bisherigen Behandlungsweisen zu begnügen, beeiferten8l e sich in Erfindung von verschiedenen Anordnungen, von welchen dies chliesslicli für den König von seinem Leibperruquier Binette etwa um1670 erfundene „binette (grand in-folio“) als Staats- oder „Allonge-Parrücke“ den Sieg davon trug. Es war dies ein dichtes Gekräusel vonl'chtblondem Haar, welches, die Stirn im Bogen begrenzend, sich tiefu ^er den Nacken erstreckte und längs den Wangen je in breiter fastgerade oder rundlich endigender Lockenmasse die Schultern und BrustWeit überdeckte (Fig. 360 ff.). Mit nur geringen Ausnahmen begehrtenun Jeder eine solche Perrücke, die nach dem Grade ihrer Beschaf-. Rnheit bis tausend Thaler 1 kostete, und selbst die wenigen Hofleute,Welche sich, wie der grosse Conde, nicht dazu entschlossen konnten ihre 'gnes Haar der Perrücke zu opfern, Hessen dies mindestens ähnlichkräuseln, auch wohl durch anderes Haar verfärben und zum Theil sogar8 e lblich pudern. Wer aber eine so kostbare Perrücke nicht zu erwerbenVermochte, wie wohl die Mehrzahl des Bürgerstandes, begnügte sich mite iner kleineren, minder sorgfältig gefertigten, darunter die zu niederenPreisen gemeiniglich nicht aus Menschenhaar, sondern theilweis oder ganzaus gesottenen Haaren von Pferden, Ziegen u. A. bestanden. Nebenfortdauernder Bartlosigkeit beschränkte man sich im Uebrigen auf einkaum noch merkliches Lippenbärtchen und einen ebenso dürftigen Kinn-
1 Marquise de Sevign6 Recueil des Lettres. Paris 1754. IV. 5, 306.
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