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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1009
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A. Tracht. Frankreich . Kleidung der Weiber (16501680). 1009

Die weibliche Kleidung war im Ganzen bei weitem beständiger.Ihrer verhältnissmässig freieren Durchbildung fügte sich auch die steifere,spanische Tracht der jungen Königin, die vor allem den von ihr mitherübergebrachten weitausgespannten (Reif-) Rock schon bald nach ihrerVerheirathung (um 1660) zu Gunsten der allgemein üblichen faltigenRöcke aufgab, oder doch eben höchstens als ein ausnahmfälliges Staats-kleid nur noch kurze Zeit bewahrte. Die Vorherrschaft in diesemDünkte übten die Maitressen des Königs. Aber auch selbst wasdiese, von der Montespan bis zur Maintenon (etwa von 1666 bis gegen1680), erfanden, bewegte sich, ohne die Gesammtform wesentlich zu be-rühren, in einem Wechsel des Einzelnen, wobei es sich hauptsächlich®eitens der Montespan um Erhöhung des Reizes durch ausnehmendeKostbarkeit in Stoff und Verzierung, und hiernach, seitens der schönenFontange, ausserdem um eine gefallsüchtige, Lüsternheit erweckendeAnmuth handelte. Erst das Auftreten der Frau von Maintenon, dadiese ihre wolbcrechnete Einfachheit und Bescheidenheit auch äusserlich,J a bis zu übertriebener Strenge zur Schau stellte, wirkte nun auchdemgemäss auf die Gesammtfassung der ifusseren Erscheinung überhauptbestimmend zurück, welche denn geradezu, gegensätzlich zu früher, dasGepräge des Altjüngferlichen und Matronenhaften annahm. * IndessenMusste man sich auch dem gegenüber immerhin durch manchen jetztfreilich mehr geheimen Anreiz, sowie auch durch einen gleichsam ver-kokten Aufwand genugsam zu entschädigen.

Der untere und der obere Rock sammt dem Leibchen wech-® e lten auch in Einzelnheiten so langsam, dass selbst eine solche Wand-un & noch bis gegen Ende der sechziger Jahre kaum schon merklicheroder g ar auffällig vor sich ging. An dem oberen, der Länge nachoffenen R oc k, derrohe, beschränkten sich Neuerungen zumeist darauf,einmal dass man ihn wiederum zu einer beträchtlichen Schleppe ver-an gertc, allmälig bis zu dem Maasse dass sie nachgetragen werden°* Uss te, und dass man ihn, mit dadurch veranlasst, zu beiden Seiten'Bamer seltner, ja schliesslich nicht mehr gleich von der Taille aus, son-er n nur in seiner unteren Hälfte zurückschlug, und diese Umschläge,^Jordings wie bisher, kurz unter dem Rücken mit einander verband.

lc nt lange, so begann man daneben die zu den Seitenumschlägen ver-endeten Massen je nach aussen aufzurollen, oder vielmehr der ganzenan § e nach rund aufzubauschen, und die so gebildeten beiden Lang-w ülste erst nur inmitten, alsbald aber in mehren gleichen Abständenvermittelst Bändern nebst Schleifenwerk oder, bei grösserem Aufwande,^ Spangen von reicher Goldarbeit, besetzt mit Steinen, Perlen u. dgl.,2 nsammenzufassen, dergestalt dass sie die Oeffnung der Robe beiderseits6 Schartig begrenzten. Diese Wülste oder Bauschen ( ,,boullions) zeig-^ ei »s, Kostttmkunde. III. 64