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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.
a Im Ganzen ergingen sieh die ferneren Klagen, seit der Mitte desJahrhunderts, bei allem fortdauernden Bezug auf die ei tele Nach-äfferei, doch nun in vorwiegendem Maasse über den Aufwand als sol-chen, sowie über den ihn steigernden steten Wechsel der Formen undderen thörichte Absonderlichkeit an sich.
So wurde hinsichtlich der männlichen Kleidung vornämlich überdie sich nach 1660 verbreitenden schurzförmigen „Unterrock - Hosen“(Fig. 360) und grossen Perrücken wiederlioJentlich der Stab gebrochen.„Was sind“ so liess sich unter anderem Wolfgang Ouw, Pastor zuFlenssburg, um 1663 verlauten 1 — »was sind die unerhörte weiteMänner Hosen, die für einem Jahr erstlich auffgebracht, anders als ab-gekürtze Weiber Rock , sie liegen rund herumb in Falten, eben wieetlicher Frauen dick gefaltene Röcke, es gehen 20—30 und mehr Ellendarein, daraus man vor diesem 2 und mehr Kleider hat maohen können.O der grossen Ueppigkeit. Von diesen Hosen möchte man fast ebendasjenige schreiben, was vor Jahren von den Zucht und Ehrverwegenenpludrichten Hosen Teuffel ist auffgezeiehnet worden. 2 Pfuy, wie hatdieser Teuffel, in so geschwinder Eil, so viel Länder und Städte einge-nommen!“ . . Und fährt derselbe dann unmittelbar daran anknüpfendfoit: „Die Natur hat den Weibern feine lange Haare gegeben, die ihneneine Zierde seyn, siehe aber, wie die Männer sich hier geberden? Theilslegen ihre eigene natürliche Haar gar abe, theils verstutzen sie, undhängen hinan, ich weiss nicht welcher Leute schäbische Haar, da sindI arücken, lhurne, u. s. w. so wunderlich, so seltzsam, so krauss, närrischund oft in abscheulicher Länge, so phantastisch gemacht, dass man dieLeute kaum darin erkennen kann.“
Die I eirücke insbesondere blieb wie vor ein Hauptgegenstand desAngriffs. Indessen so nutzlos gegen die (eigenen) „langen Diebshaareangekämpft worden war, ebenso erfolglos verliefen die Mahnungen geg« 1die Aneignung der durch Ludwig XIV , eingeführten ungeheuerlichenLockengehäusc. So wenig wie anderwärts kehrte sich die Laienwehdaran wie die Geistlichkeit darüber dachte und stritt, vielmehr erhobdie grosse Perrücke („ in-Folio“) zu einem Anstandsstück von solcherBedeutung, dass sie bei Allen, welche dem Zeitgeschmack irgend folgt*®’bereits zu Anfang der siebziger Jahre geradezu als unerlässlich g a ^'Dennoch freilich liessen sich auch jetzt noch Einzelne nicht abhalten, da
M. Wolfgang Ouw. Nothwendige Erinnerung vom Missbrauch derKleyder,da viele Christen in defectu, viele in excessu sündigen, Das ist, Da viel ausMangel zierlicher Feyr- und Sonntäglichen Kleider, aus der Kirchen etc. WC J 'bleiben: Viel mit üppiger alamodischer Kleider-Pracht sich hochmüthig erheben,etc. Hamburg 1663.
2 Vergl. oben S. 634.