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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.
wurden theils, ohne Zweck oder Rücksicht auf ihre bauliche Bestimmung,lediglich als Zierstücke behandelt. Nicht genug an ihrer schon so mannig-fach seltsamen Durchbildung (S. 812), ward nicht allein diese noch durchandere, befremdlichere Zuthaten weit überboten, vielmehr nun auch inihrer Verwendung, in ihrer Auf- und Zusammenstellung je nach Zahlund Anordnung, nahezu schrankenlos verfahren. Ihre Hohl- und Hals-leisten, so wie insbesondere die Kapitale und die Fussgestelle oder Sockel,erhielten jeden beliebigen Schmuck; die Sockel nun häufiger ausserdem,neben willkührlicher Vergrösserung, eine Anordnung zu mehren, baldneben- bald übereinander gestellt, und je an der Vorderseite, wenn nichterhobene Bildnereien, eine meist halbrund abschliessende Nische mitfigürlichem Einsätze. Eine dementsprechende } nun überdies vorwiegendeVerwendung fand auch, nächst dem Halbpfeiler, die Karyatide und zwargemeiniglich als Träger von breiten, weitausladenden Gesimsen, vonDecken und allerlei Balkenwerk, zumeist in Gestalt von einer aus derWand gleichsam frei heraus wachsenden ganzen oder halben menschlichenFigur, nackt oder theilweis bekleidet, doch auch in Form von reich ver-zierungsmässig behandelten, massiven Consolen u. dergl. m. So auchward nun das Geländerwerk, die Brustlehne oder „Balustrade,“ sogar zueinem simsartig durchlaufenden Zierrath benutzt, überhaupt aber die ansich schon so überreiche Fülle von Zierformen (S. 812) noch beträchtlichvermehrt. Zu ihr kamen, gewissermassen als neu und vorzüglich belicht,die absonderlichsten Fratzengesichter, Janus-artige Zerrbilder, hermen-und obeliskenförmige oft ringsum verzierte An- und Aufsätze, zwiefachbeflügelte Kinderköpfehen, wunderlich erdachte Figuren von Menschenund Thieren (einzeln oder zu Gruppen geordnet) in geschraubt hastigerBewegung und zumeist höchst seltsam vertheilt, Säulen von menschähn-licher Gestaltung, stellenweise mit Zierrathen, bisweilen trophäenartig be-deckt, Sinnbilder in jeder beliebigen Fassung, mancherlei Ein- und Auf-sätze, theils völlig in Form von unterschiedlich reich durehgebildetenStandvasen, runde, ovale und geradlinig wechselvoll facettirte Glieder,einzeln und kettenförmig verbunden, Umrahmungen von vielfältigst 61Schwingung, Nischenkappen und Einsenkungen von muschelartiger Be-handlung, sachgetreue Darstellungen von Muscheln, fischen, besondersDelphinen, Netzen, Thierfellen, Blumensträussen, aufgehäuften Fels-stücken , Überfliessenden Wassermassen, tropfsteinähnlichen Gebilden,Zackenwerk u. A. m.: — Dies Alles hauptsächlich in der Absicht aufjeden Fall malerisch zu wirken, so auch vorzugsweise nur mit Rücksichtauf schlagende Licht- und Schattengebung, zu bloss pomphaftem Eindruckzusammengehäuft, wozu die Behandlung des Einzelnen, wie namentlichauch der menschlichen Gestalt, sich ohnehin nicht über den Ausdruckeiner gewaltsam schwülstigen Leere und eines eben nur schaustellerischen,