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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.
reichsten Schmuck abgesehen war, durch ein oft überraschend gefälligesZusammenspiel der Linien aus. Auch erhielt sich, was dem zu Gutekam, neben den vielen sich vermehrenden seltsamen verschnörkelten Ver-zierungsformen, obschon auch nur in weiterer Ausgestaltung, doch immernoch in verhältnissmässig klarerer Durchbildung, die „Grotteske“ (S. 809 ff.),und ebenso manche classische Form, zum Theil sogar ohne "Umwandlung-— Alles dies änderte sich freilich gegen die Mitte des Jahrhunderts,namentlich seit der Verselbständigung Ludwigs XIV. Was den Künstenan freierer Lebensthätigkeit noch eignete, sollten sie nunmehr, höchstensabgesehen von der Malerei, in fast alleinigem Dienste des Absolutismusdieses Königs nahezu gänzlich einbüssen. Mit dem ihnen dadurch unab-weisbar vorgezeichneten Wege zu rein pomphafter „Grossheit“ und Breite,bis zu conventioneller Erstarrung (S. 945), mussten sie, eben bei ihrerfortan despotischen Regelung, zu einem bloss todten Formenspiel ver-fallen. Was ihnen an Innerlichkeit und Seele abging, vermochte aberein jetzt vorzugsweise erstrebtes hohles Pathos ebensowenig zu ersetzen, alsdas nun mit gleichem Eifer verfolgte Bemühen durch möglichen Aufwanddecorativ blendend zu wirken. So vor allem im kunstbaulichen Betriebe,worauf noch insbesondere die folgende Berufung Bernini’s zur Anfertigungvon Bauentwürfen u. A. nachhaltigeren Einfluss ausübte. — Nicht ganz soindessen verhielt es sich in Betreff der Geräthbildung. Allerdingsblieb sie in ihrer Formbehandlung von der Bauthätigkeit abhängig, dochbot gerade ihr, zufolge der Verschiedenheit ihrer Zwecke und der vonihr zu behandelnden Stoffe, die sich in der Baukunst vollziehende Er-starrung nicht nur die Gelegenheit, vielmehr zum Theil die Nothwendig-keit sich freier, selbständiger zu bewegen. Alle Formen, welche dieBauthätigkeit im Ganzen und Einzelnen entfaltete, eignete sich zwar wievor die Geräthbildung an, jedoch nicht mehr ohne sie nun ihren Zweckenzu unterwerfen, sie je demgemäss umzugestalten, eigenschöpferisch zuerweitern und durch neue zu vermehren. So denn aber kam es, dasssich innerhalb dieses Betriebs die Verzierungsform ats solche allmälig vonder Grundform fast völlig löste, sich, einmal frei geworden, in Willkührbis zum Uebermuth, oft in heiterem reizvollem Spiel erging, und nunausserdem immer häufiger die Grundform selbst sich unterordnete. An-fänglich äusserte sich dies, da noch an die bauliche Geschmacksver-stimmung fester gebunden, in nur schwankem, beschränkterem Maasse,wie auch in noch überwiegend krauser, meist schwülstig prunkhafterUeberladung; etwa seit den siebenziger Jahren indessen begann es sichunter Mitwirkung einzelner geistvoller Künstler, so auch namentlichCharles Brun’s (1619 —1690), zu einer wenngleich in bunter Fülleprunkenden, doch in ihrer Besonderheit immerhin höchst lebendigen, an-muthenden Gestaltungsweise, dem in der Folge sogenannten „Rococo -