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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1109
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B. Geräth. Darstellungsform: Niederlande , Deutschland (16001700). H09

Styl* aufzulösen. Auch blieb es dann wolil selbst nicht aus, dass vonder Geräthbildung einzelne Zweige, wie besonders die Kunstschreinerei,auf die allgemeine Gestaltung der baulichen Grundform zurtickwirkten,dieser das geschmackswidrige Gepräge einer gleichsam geräthlichen (Möbel-)Architektur verliehen.

Die Niederlande, vor allem Holland , blieben einer derartig aus-schweifenden Geschmacksverirrung ferner. Die Richtung, einmal inder Zeit bedingt, war allerdings auch hier die gleiche. Aber der imVolksbewusstsein lebendige Sinn für Erhaltung des Gewonnenen, sowiefür Natur und Natürlichkeit (S. 937), verwiesen jene von vornherein ineine mehr demgemässe Schranke. Gegenüber den in der Fremde immerneu auftauchenden Formen und ihrer dortigen ebenso willkührlichen alsüberschwenglichen Verwendung, beharrte sie, ohne sich davon merklicherbeirren zu lassen, auf ihrem Wege nahe bis gegen die achtziger Jahre,ihren Ergebnissen, wie in der Malerei vorzüglich, auch in der Baukunstund Bildnerei den Ausdruck schwungvoller, gemessenerer Grösse gebend.Wohl zwar konnte dies innerhalb der Geräthbildung, zufolge ihrerZwecke, nicht eben in dem gleichen Grade zur Erscheinung kommen,doch blieb eine Rückwirkung auch darauf nicht aus, sondern stimmteauch diese Bethätigung zu demähnlicher Maasshaltigkeit. So vielgestaltigund wechselvoll auch deren Erzeugnisse ausfielen, und wie reich undkostbar hierbei auch die verzierende Ausstattung war, erhielten sie dochbis zu jenem Zeitpunkt im Ganzen bei weitem mehr die Eigenschafteiner geschmackvoll gediegenen Schlichtheit, als etwa die eines nuräusserlich glänzenden, »überladen verworrenen Prunks. Ein Abfall nachdieser Seite hin begann sich erst seit jener Zeit, auf Grund verstärktfranzösischen Einflusses, allgemeiner zu vollziehen.

Von den anderweitigen Ländern war es hauptsächlich England,wo sich mit der Kunst - Ueberlieferung auch die GeschmacksrichtungÜberhaupt von ausheimischen Einflüssen am längsten ungetrübter fort- tzte (S. 953), und die Geräthbildung insbesondere noch geraumeZeit hindurch selbst starke Anklänge an diegermanische Darstellungs-form bewahrte. Und dies letztere zum Theil auch noch nach dem Re-gierungsantritte Karls TI. (1660), obschon von da an allerdings, durch*hn befördert, wie auf fast allen Gebieten des Aussenlebens, so auch inAllein, was auf dessen Verannehmlichung abzweckte, die zurZeit in Frank-feich herrschende Form in rasch steigendem Grade in Aufnahme kam.

In Deutschland wurde durch die verlierenden Stürme des dreissig-jahrigen Kriegs nicht nur fast jede künstlerische und kunsthandwerklichebethätigung nahezu aufgehoben, vielmehr auch jede nähere Verbindungmit ihrem frühem Bestände gelöst. Was sich während dieser erdrücken-den, wüsten Zeit dennoch in solcher Richtung regte oder zu regen ver-