B. Geräth. Kunsthandwerk u. Gewerbe im Allgem. (1600—1700). HU
Begüterte mit ihnen wetteifern konnte. So vor allem in den scandinavi-schen Reichen und auch, zum Theil, in Deutschland , wo sich einzelneFürstenhäuser, wie insbesondere die sächsischen ', schon kaum auch nuräusserlich auffälliger kennzeichneten. Indessen, wie es unter den Fürsten zunehmend beliebter ward sich mehr auf sich, auf eine von ihnen aus-erwählte Umgebung, aus der Volksgemeinschaft zurückzuziehen, sichdem Volke gegenüber eine höchste Ausnahmestellung zu sichernfS. 950; S. 958), steigerte sich in ihnen zugleich die Neigung dies ganznach (spanisch-) französischem Vorgang durch Erweiterung ihres Hof-staats und ihrer „Hofstatt“ thunlichst fühlbar zu bethätigen. Den eigent-lichen Ausschlag dafür aber gab Ludwig XIV . In dem nunmehrigenBestreben der meisten Machthaber es ihm, wie in Wesen und Form,mich an äusserlichem Glanze mindestens doch ähnlich zu thun, ver-säumten sie denn nicht ihm auch in dem Funkte nachzueifem. Aller-dings eine schwierige und fiir jeden sonstigen Staatshaushalt höchst be-denkliche Aufgabe, da fast kein Fürst ausser ihm nur so viel Jahres-einkünfte hatte, als er jährlich allein für seine Prachtschlösser aufwendete.Dennoch Hessen die Fürsten davon nicht ab, vielmehr erachteten diesnun geradezu als Standespflicht, also dass sich in kurzer Zeit in allen,auch den kleinsten Staaten, meist äusserst umfangreiche „Schlösser“ vonreicher Ausstattung erhoben, und gerade innerhalb der kleineren Gebietenicht selten selbst von solcher Ausdehnung, dass füglich die gesammteEinwohnerschaft der Stadt, welche es schmückte, darin hätte Platzfinden können. Dem nun aber vermochte fortan auch der reichst Be-güterte, vorzüglich im städtischen Bürgerthum, nicht mehr zu folgen.Jedoch, wie sich dadurch jetzt die fürstliche „Hofstatt“ recht eigentlichals „Schloss“ von dem bloss städtischen, bürgerlichen Wohnhause sowohlder äusseren als inneren Beschaffenheit nach ganz entschieden sonderte,begann gleichwohl jenes auf dieses zurück zu wirken, nun dessen Fort-gestaltung in eben dem Sinne zu fördern. —
Im Zusammenhänge damit gewannen denn die kunsthandwerk-lichen und rein gewerblichen Betriebszweige aueh wiederum einen^och um so weiteren Spielraum. Es war nun auch diess vorzüglich inFrankreich der Fall, welches die anderen Länder auch hierin, wie vorallem Deutschland , auf lange Zeit hin weit überholte. Mit dem Auf-schwünge, welche die französische Gewerkthätigkeit durch den MinisterVolbert nahm (S. 941; S. 1000), erhielt sie dann überdiess zugleichMittel und Kraft sich fortschrittsmässig zu behaupten, und selbst denBücjrschlag, den sie durch die Vertreibung der Hugenotten erlitt (S. 947),
1 Vergl. A. Müller. Forschungen auf dem Gebiete der neueren Geschichte*(Kurfürst Johann Georg der Erste, seine Familie und sein Hof) S, 111,