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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

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minder fühlbar zu überdauern. Doch griff auch, durch ihn angeregt, dieAnsicht dass wie der Handel, ebenso die G-ewerklichkeit einer der be-deutsamsten Hebel für den Nationalreichthum sei, in immer weiterenKreisen um sich, so dass sich ihre Förderung auch demgemäss verall-gemeinerte. Ueberall ward der steigende Aufwand der Vornehmen undder Begüterteren für den betriebsamen Arbeiter eine stets ergiebigereund lockendere Quelle des Erwerbs.

In dem Verhalten des Handwerks zur Kunst, sowie in deräusseren Stellung des Handwerkerthums, ward damit allerdings nichtsgebessert (vergl. S. 826). Seitdem ihr Bruch einmal beiderseits einefestere Form angenommen hatte, ging eben jedes mehr seinen eigenenWeg. Dem Handwerk blieb nun vollends versagt, sich zur Kunst zuerheben, mithin auch dem Handwerker selber, sich als Künstler oderauch diesem nur ebenbürtig zu fühlen. Die öffentliche Meinung hattedarüber entschieden, jenen unter diesen gestellt, und so den Weg z ueiner etwaigen Wiedervermittelung beider, wenn auch nicht gerade un-möglich gemacht, doch zum äussersten erschwert. Andrerseits mehrtesich von Oben herab das. Bestreben, den HandwerkszwaDg zu Gunstenfreierer Aufnahme in die Gewerke zu durchbrechen, was, wie förderliches der Sache an sich war, doch auch die im Gewerksstande schon all-zutief eingerissenen Schäden, wie namentlich in Betreff seines sittlichenGebahrens und der Güte der Arbeit, nur noch um so viel mehr be-günstigte. Die Handwerker, da so fast einzig auf ihre Kreise verwie-sen, verloren sich selbst in ihrpn Handwerksgebräuchen 1 mehrentheils zueiner ebenso abgeschmackten, wie sinnlosen, ja bis zu einer an Roheitstreifenden Aeusserungsform. Am nachtheiligsten allerdings war undblieb der Umstand, dass das Handwerk in seiner nunmehrigen engenAbgrenzung gänzlich verlernte künstlerisch zu denken, zu erfinden, alsofast lediglich dem Dienste blosser Zweckmässigkeit verfiel und so derVerkümmerung zueilte. Zwar liessen die Handwerker keineswegs nach,ihren Erzeugnissen durch Verwerthung mannigfacher Verzierungsformenzugleich das Gepcäge des Schmucks zu geben, indessen eben zu einerkunstgemäss gebundenen Durchbildung nicht mehr fähig, äusserte sichdies auch wesentlich nur noch, bei zumeist todter Wiederholung ältererVorbilder, in einem leeren, bedeutungslosen, zunehmend schablonenartige'

1 Vergl. unt. and. Fridericus Frisius. Der vornehmsten Künstler- undHandwerker Ceremonial-Politica, in welcher nicht allein dasjenige, was bei demAusdingen u. s. w. von langer Zeit her in ihren Innungen und Zünfften obser-viret worden, sondern auch diejenige lächerlichen und bisweilen bedenklichenActus, wie auch Examina bei dem Gesellenmachen u. s. w. Leipzig 1708 ff*(Neuerdings zum Theil herausgegeben in: Deutsche Volksbücher nach den äh e "sten Ausgabenhergestellet von Karl Simrock . Stück XXXIII. u. XXiGV