Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
1136
JPEG-Download
 

1136

III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

im Jahre 1624 vereinzelt in England getrunken, gelangte dessen unge-achtet nach Frankreich erst um 1657, und nach Deutschland gar erstgegen Ende des Jahrhunderts; der Thee aber überhaupt erst durch dieHolländer von Moskau aus um 1674 nach dem Westen, wo er zudem dannnoch bis in die neunziger Jahre lediglich als Medicament galt. Da beideErzeugnisse gekocht und heiss genossen wurden, so galt es vor allemder Beschaffung eines dafür möglichst zweckgemässen Kochgeräths.Dasselbe erhielt von vornherein die Gestalt einer kesselförmigen (Deckel-)Kanne, ruhend auf einem drei- oder vierbeinigen Gestell sammt Feuer-stätte darunter; das Ganze zunächst noch ausschliesslich von Metall.Für die dazu erforderlichen Trinkgefässchen erwies sich gleich dieForm einer tieferen Schale mit Henkel und flachem Untersatze, die derTasse, als zumeist geeignet. Auch diese Tassen wurden vorerst noch,abgesehen von den kostbaren Tassen aus echtem chinesischem Porzellan,gemeiniglich von Metall, besonders von dünnem Kupfer nach dem jüngstvon Jacques Noualhier erfundenen Verfahren gefertigt (S. 1115). Nächstdem aber verlangte die Zubereitung des Kaffees an sich die Plerstellungsowohl einer eigenen Koste (oderRösttrommel) als auch eines Mahl-gerät hs. Letzteres, der späterenKaffeemühle entsprechend, gingaus den schon seither bekannten eisernen Quetschgeräthen hervor, 1 undward nun, ähnlich wie diese, von Eisen in Form eines flachen, längsden schmalen Seiten gewöhnlich ein- und auswärtsgeschwungenen Be-hälters mit Drehkurbel, meist nicht ohne einigen Schmuck durch Gra-virung, Vergoldung u. dergl., beschafft.

Das Speisegeschirr bildete sich in seinen wesentlichen Beständen,den Platten, Schüsseln, Näpfen, Tellern u. s. w. je nach Stoff, Grösseund Verzierungsweise, nun auch mit meiner Rücksicht auf die Eigenheitender Speisen selber, zu durchgängigerer Gleichartigkeit und bestimmtererGliederung aus. Ueberdies wirkte darauf noch eigens zurück, dass esnach dem Vorgänge am Hofe Ludwigs XIV. in den höchsten und vor-nehmeren Kreisen üblich ward nach der Rangstellung der Personen zweioder, wie eben dort, drei verschiedeneCouverts einzurichten. Wasetwa als gewissermassen neu hinzukam, waren hauptsächlich nur, zu©grösseren Theil als Ergebnisse der höheren Töpferei, ausser mannigfachenbald flacheren bald tieferen Rundschüsseln von mehr napfartiger Grund-form mit oder ohne Fuss und Handhaben, hohe weitbauchigeTerrinen,eben sogenannt nach dem Stoff (terre), verschiedenförmigeSaucieren,gemeiniglich schlank mit Ausguss, Henkel nebst breitem flachausladende©Fuss, und allerlei kleinere Behälter, zumeist zierlich, muschelförmig

1 Vergl. H. von Hefner-Alteneck. Eisenwerke oder Ornamentik derSchmiedekunst etc. Taf. 29 und 30.