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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

wurden sie dann immer häufiger auf die Rückenlehne, sowie auch, ins-besondere seit dem Beginn des letzten Drittels des Jahrhunderts, auf dieArmlehnen übertragen, und von da an auch gemeiniglicher fast über dasganze Gestell hin ausgebreitet. Zu den Ueberzügen kamen eben s&itdieser Zeit, zunehmend auf Kosten des einfachen oder bunt bepresstenLeders, nächst einfarbigem Sammt, allerlei gemusterte Seidenstoffe vor-zugsweise in Aufnahme. Dem gegenüber verloren sich allmälig sowohldie sonst zur Befestigung des Stoffs und zugleich als Zierde angewen-deten Nägel, als auch jegliches Franzen- und Puschelwerk, letzteres nunmehrentheils zu Gunsten von Besatzschnüren. Kurz vor Beginn desJahrhunderts tauchten in Frankreich kleinere lehnlose Sitze (pZa-cets, tabourets) auf, 1 welche dann bald darauf, hauptsächlich zum Ge-brauch für Frauen und Kinder, allgemeinere Verbreitung fanden, undfolgends ebenfalls häufiger Polster erhielten. Im Uebrigen war es nichtungewöhnlich, so wenigstens bis in die vierziger Jahre, die Gestelle vonGesässen, welche als Prunkstücke gelten sollten, nicht nur von seltenemHolze zu fertigen, sondern auch stellenweise mit Achat oder Jaspis aus-zulegen, ja auch die Sitzplatte gänzlich von Stein, von Marmor oderSerpentin zu beschaffen. 2

Die Tische folgten, abgesehen von den hohen fachwerkartigenTresors, Schenk- oder Credenztischen (S. 890) ziemlich dem gleichenFormengesetze. Selbst die Platte nahm gelegentlich daran Theil, indemsie in Uebereinstimmung mit der Fortgestaltung des Gestells bis zurdurchweg geschwungenen Linie, auch ihre (Umriss-)Linie wechselte. Mitder Anwendung von grösseren Wandspiegeln während des letzten Drittelsdes Jahrhunderts (S. 1125) kamen zu den schon so mannigfachen Artenvon Tafeltischen (S. 880) noch eigeneSpiegeltische auf. Sie, dazubestimmt den Spiegeln gleichsam als (Wand-)Console zu dienen, wurdengewöhnlich nur mit zwei, meist einwärts gebogenen Füssen , und mitPlatten von Marmor oder sonstigem Gestein versehen. Prunktischevon geringerem Umfange erhielten bisweilen eine Platte von Cypresscn-iRosen- oder anderem kostbaren Holze, mitunter ringsum» geschnitzt, auchwohl vonFlorentiner Steinmosaik in flacher oder selbst leichterhobenerArbeit.

An den Schränken vollzog sich die Wandlung, je mehr abhängigvon dem Zweck, theils rascher theils langsamer: Am langsamsten an denumfangreichen eigentlichen Gebrauchs-Schränken; rascher dagegen, in fort'dauernd engstem Anschluss an die Gestaltung der Bauform, an denCabinets undKunstschränken (S. 894). An ihnen entfaltete

1 Vergl. M. De Laborde. Notice des dinaux etc. II. S. 452.

2 A. Frenzei. Der Führer durch das historische Museum zu Dresden . S-