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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1147
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B. Geräth. Spielger. Tonwerkzeuge: Blasinstrumente (16001700). H47

verfeinert. Mit dem Allen nahmen die St and-Orgeln, wie denn insbe-sondere die zu kirchlichem Dienst bestimmten, an Umfang noch zu, unddamit auch ihre Umfassungen, welche letzteren sich in Betreff ihrer Aus-stattung durch Holzbildnereien, Vergoldung u. dergl. mehrentheils, sovornämlich seit den fünfziger Jahren, zu überaus bunten, wahrhaftbarocken Prachtgehäusen entfalteten. Die grosse, sehr künstliche Orgel,welche Eugen Casparmi aus Sorau in der Oberlausitz und sein SohnIloratius Adam von 1697 bis 1703 für die Petri- und Paulskirche umden Preis von 25,000 Thalern bauten, enthielt 57 Stimmen und 3270klingende Pfeifen. Bei wachsender Vorherrschaft der durch diese Er-findungen ebenfalls mehrseitig geförderten grösseren, jedoch bewegbarenZimmer-Orgeln, kamen die kleinen althergebrachten Trage-Orgelnmehr und mehr ausser Gebrauch (S. 910). Dagegen erfand nun HeinrichEichler (16371719) in Augsburg , wohin er von seinem GeburtsortLippstadt dauernd übergesiedelt war,künstliche Orgel- und Flöten-werke in Form von kleinen Kästchen, reich verziert mit vielen Säulen,mancherlei Gold- unt^jSilberarbeit, Schildpad, Gemälden u. dergl., diesich eines so grossen Beifalls erfreuten, dass ein solches Werk, woranzugleich die bewährtesten Goldschmiede gearbeitet hatten, selbst vonSpanien aus begehrt wurde.

Von den Blasinstrumenten setzten sich die Flöten bei nochmehrer Vervollkommnung im Einzelnen, und wenn gleich in folge dessennicht ohne einige Verminderung ihrer (roheren) Verschiedenartigkeit, alseine immerhin noch ziemlich zahlreiche Familie fort. Nächst den ansich wenig ersichtlichen Veränderungen, welche die grösseren geradendrei- und sechslöchrigen Flöten theils hinsichtlich der Stärke desRohrs, der Versetzung der Löcher, der Weite der Schallöffnung u. A.erfuhren, wurde die zwei Fuss lange Flöte am Rohre beträchtlich ge-kürzt, ihr Schallkörper aber gelegentlich bis auf zwei Fuss Länge undeinen Fuss Durchmesser erweitert. In Folge von Versuchen, den Tondurch Verlängerung der Röhre zu vermannigfachen, tauchten dann selbstFlöten von sieben bis acht Fuss Höhe mit elf, und demätnliche, etwaskürzere, mit neun Löchern auf: Formen, die in Frankreich unterLudwig XIV. bei dramatischen Vorstellungen häufig Anwendung fanden,und auch anderweit, so in Deutschland alsBlock- oder Plock-flöten, in Aufnahme kamen. Sehr beliebt blieben die kleinerengeraden handlichen Flöten zu neun Löchern, und die eigentlicheQuerflöte (flute traversiere), welche letztere allmälig, bei einem aufihre Vervollkommnung vorzüglich gerichteten Bestreben, fast allen anderenden Vorrang ablief. Die Pansflöte ( syrinx ) behauptete sich lediglichin der ihr seit lange ertheilten Eigenschaft als (Strassen-) Instrument derRettler und Ausrufer, indem ihre Verfertigung nun hauptsächlich den