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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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B. Geräth. Transportmittel: Fuhrwerke, Tragen u. s. w. (16001700). 1153

welche davon eine Ausnahme machten, und theils gerade gegensätzlichdazu äusserst prunkvoll vorgingen, zählte vor allen der Hof von Han-nover, namentlich unter dem Herzoge Ernst August , welcher um 1681nicht weniger denn fünfzigvergoldete sechsspännige Kutschen zustellen vermochte. Als Philipp von Chieze, Generalquartiermeister desKurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg , im Jahre 1660 eineGesandtsctiaftsreise nach Frankreich antreten sollte, liess er sich dazunach eigener Angabe einen zweisitzigen Wagen bauen, der seiner Zweck-mässigkeit und minderen Unbeholfenheit wegen solchen Beifall erndtete,dass er dort alsBerline u , und auch sonst Mode ward. Am längstenblieben die scandinavischen Länder (S. 917) und die Schweiz zurück.Selbst die Einwohner von Baden betrachteten es noch als ein unge-wöhnliches Schauspiel, als im Jahre 1671 der französische Gesandte seinenEinzug daselbst in einer Kutsche hielt. In Russland dagegen fandder Gebrauch schon bald nach Anfang des Jahrhunderts eine so will-kommene Aufnahme, dass sich unter den höheren Ständen die Zahl vone igenen, reichst ausgestatteten Wägen seit 1620 in überaus rascher Folge

Vermehrte.

Nebenher Hessen es Einzelne nicht unversucht nun auch eigenskünstliche, sich selbst bewegende und andere derartige Klein-fuhrwerke, theils zu ernsteren Zwecken, theils aber auch als nurBiechanische Spielerei zu verfertigen. Als Erfinder solcher Wägen thatens >ch unter Anderen Hans Hautsch (15951670), ein Zirkelschmid zuNürnberg , und Stephan Tarfler (gest. 1689), Uhrmacher zu Altdorf,hervor. Ersterer beschaffte für den Pfalzgrafen Karl Gustav einen Wagen,in welchem zwei Menschen verborgen Platz hatten; letzterer einenKunst-Wagen, auf dem Jeder sich selber befördern konnte. So auch stelltee 'n gewisser Camus für Ludwig XIV. als Dauphin eine kleine zierlicheKutsche her, die vermittelst eines aufznziehenden Räderwerks einen be-stimmten Raum hin- und zurücklief.

Gewissermassen als ein Mittelding zwischen einem Wagen undß iner Sänfte kam in Frankreich schon während der ersten Hälfte des'Jahrhunderts ein auf zwei niedrigen Rädern ruhender, hoher, einsitzigerLasten auf, der, vorn mit einer Gabel versehen, von einem dazwischenSehenden Mann gezogen wurde. So bequem indessen derselbe waT, wardseine öffentliche Verwendung als Brouette [Roulette, Vinaigrette ) zurBeförderung von Personen erst um 1699 gesetzlich gestattet. Auch'he eigentlichen Trage-Stühle 1 ( Porte-chaises) fanden vorerst, ausser^ le seither zum Gebrauch für Kranke, wenig Anklang. Nach EnglandWurden sie von Paris aus durch den Herzog von Buckingham eingeführt.

j» 1 Vgl. C. G. Schramm. Abhandlung der Trage-Saenfften etc. Nürnberg

7. Mit vielen Abbildungen.

Weisa, Kostümkunde. III . 73