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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1157
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B- Geräth. Kriegsgeräth. Geschütze (16501700); Strafwerkz. (16001700). 1157

holfenheit, auch eine noch weitergehende Vermannigfachung der Kaliber,der Metallstärke, Einrichtung der Kammern u. s. w,, womit zugleich dieFortgestaltung derAffüten, wie denn insbesondere durch Entlastungvon Eisenwerk u. A., gleichen Schritt hielt. So enstanden einerseits, zu-nächst freilich nur für den Gebirgskrieg in den Pyrenäen bestimmt, inPerpignan leichte Ein-Pfünder von nur vier Fuss acht Zoll Länge,im Metall am Stoss zwei Drittel, an der Mündung ein Viertel Kaliberstark, anderseits, neben denhängenden Mörsern, sogenannte pierriers(»Stein mors er) von fünfzehn bis achtzehn Zoll Durchmesser, deren»Schildzapfen, um richten zu können, sich am Boden des Rohrs befand.Auch wurden die seitherigenHaufnitzen in zweckgemässerer Umge-staltung nun als eigentlicheHaubitzen in stets weiteren Kreisen ge-mein, woran sich dann, ausser Anderem, auch die von einem FlorentinerPetri zu Ende des Jahrhunderts gemachte Erfindung von eigenen, so-genanntenKebh ühner m örs ern mit kugelförmigen Kammern anschloss,vorzüglich darauf abzweckend, um darausHandgranaten zu werfen.Zu noch anderen Erfindungen, die sich fortan stetig vermehrten, gehörteinsbesondere auch die des Kurbrandenburgischen Generalmajors vonWeiler aus Kanonen mit glühenden Kugeln zu schiessen, welcher sichder schwedische General Wrangel im Jahre 1666 bei der BelagerungBremens , und Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Jahre 1678 beider Belagerung von Stralsund bedienten, so wie auch verschiedene Ver-suche mit sechseckigen Kanonen nebst abgestumpft pyramidalischenKammern, die sich indessen nicht wohl bewährten. Und Alles diesfand eben den kräftigst fortwirkenden Hebel in den darauf gerichtetenwissenschaftlichen Bestrebungen, wie nunmehr hauptsächlich in den For-schungen des Jesuiten Claude Deschales, der in seinem im Jahre 1674zu Leyden veröffentlichten WerkeMundus mathematicus die Artillerieund den Festungsbau zuerst unter die mathematischen Wissenschaftenordnete, sowie in den Forschungen des Freiherrn von Wolff, Isaacbewton's (um 1687) und des Engländers Anderson, der durch Heraus-gabe eines zweiten eingehenden Werks über die Kugelbahn im Jahre1690, diese Theorie zum Gemeingut erhob.

Die Strafwerkzeuge setzten sich mit dempeinlichen Strafver-fahren selber im Allgemeinen ohne Veränderung fort (S. 929 ff.). Un-geachtet der Fortschritte, die auf den Gebieten der Wissenchaft gemachtWurden, und wie dies auch einerseits die Aufklärung im Ganzen förderte,anderseits selbst auf die Criminalgerichtsbarkeit zurückwirkte, vermochteuaan sich doch von der Voraussetzung einer Nothwendigkeit derTorturuicht zu befreien. Erst gegen Ende des Jahrhunderts wagte es inDeutschland der seiner Rechtsgelahrtheit und Freimüthigkeit wegen ebensogeschätzte, als auch mehrfach verfolgte Christian Thomasius (16551728)