Buch 
Schulreden nebst einer Abhandlung über Schulfeierlichkeiten als Einleitung / von Carl Friedr. Wilh. Clemen
Entstehung
Seite
35
JPEG-Download
 

S5

bürgerliche Leben dieser Kinder ist. ES fehlt vielen Kinderndie kindliche, freudige Hingebung an ihre Lehrer, das Vertrauenund die dankbare Liebe zu ihnen. Manchen erscheint die Schulenicht als Wohlthat, sondern als ZwangSanstalt, deren Anord-nungen man mit Widerstreben sich fügt und unter jedem Ver-wände sich zu entziehen sucht. Wie nachtheilig aber ein solchesVerhältniß sey, leuchtet ein. Fruchtlos macht cS die Ermah-nungen der Lehrer und ihre Bemühungen um die Erziehungder Kinder; es macht widerspenstig und zwingt daher zu schär-feren Maasrcgeln, die aber bei den Unverständigen die Bitter-keit vermehren, wovon sie dann, statt sich selbst, den Lehrern dieSchuld bcimessen; und vor Allem raubt es Kindern und Leh-rern die Freudigkeit des gemeinschaftlichen Zusammenseyns undZusammenwirkens, und diese ist doch nächst Gottes Segen dieGrundbedingung einer glücklichen, erfolgreichen Wirksamkeit.

Fragen Sie nun, geehrte Anwesende, nach den Ursachendieser traurigen Erfahrung: so frommt es freilich nicht. Alleszu sagen, wozu das Herz sich gedrungen fühlen möchte; abereinige der wichtigsten Ursachen zu berühren, kann ich dennochnicht unterlassen. An den Kindern selbst aber liegt nach meinerErfahrung die Ursache zunächst nicht. Denn wo im HauseGottesfurcht und frommer Sinn herrscht; wo die Ältern ver-ständig sind und Achtung gegen die Lehrer ihren Kindern ein-flößen: da findet sich auch bei diesen Dankbarkeit, Liebe undErgebung. Die Schule liegt allermeist an den Ältern selbst.Vielen von ihnen erscheinen die Lehrer blos als Arbeiter imDienste des Staates oder der Gemeinde; fremd ist ihnen jedeinnigere, höhere Beziehung zu denselben, und von einem dank-baren Gefühle gegen die Bildner ihrer theuersten Güter, gegendie Mitarbeiter am Wohlc ihrer Familie haben sie kaum einenGedanken. Selbst an solchen fehlt es nicht, die in dieser Be-ziehung kein anderes Gefühl kennen, als das schmerzliche,Schulgeld bezahlen zu müssen. Die christliche Weihe der from-men Gesinnung aber fehlt leider nur zu oft dem Verhältniß.

Dazu kommt, daß Manche von den Sorgen für den nächstenAugenblick so eingenommen sind, daß sie an das künftige Glückihrer Kinder kaum denken, noch weniger aber der Bedingungensich bewußt werden, unter welchen sie ihnen dasselbe sichernkönnen, und daher Unwillen gegen die Lehrer empfinden, wennsie gezwungen sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken, wäh-