194
Herr Vetter, und anfingen auf französisch zu weinen; denn der geneigteLeser wird auch schon bemerkt haben, daß die französischen Kinderanders weinen, und als der Herr Charles die Landesart erkannte, darührte Gott sein Herz an, daß ihm ward wie einem Vater, wenn erdie eigenen Kinder weinen und klagen sieht, und: In Gottes Namen!sagte er, wenn’s so ist, so will ich mich nicht entziehen, und nahmdie Kinder an. Setzt Euch ein wenig nieder! sagte er zu dem Polen,ich will Euch ein Süpplein kochen lassen. Der Pole, mit gutem Ap-petit und leichtem Herzen, aß die Suppe und legte den Löffel weg,— er legte den Löffel weg und blieb sitzen — er stand auf undblieb stehen. Seid so gut, sagte er endlich, und fertigt mich jetzt ab;der Weg nach Wilna ist weit. Auf fünfhundert Rubel hat die Fraumit mir akkordiert. Da fuhr es doch dem milden Menschen, demHerrn Charles, über das Gesicht wie der Schatten einer fliegendenFrühlingswolke über die sonnenreiche Flur. Guter Freund, sagte er,Ihr kommt mir ein wenig kurios vor! Ist’s nicht genug, daß ich Euchdie Kinder abgenommen habe; soll ich Euch auch noch den Fuhrlohnbezahlen? Denn das kann dem redlichsten und besten Gemüt be-gegnen, wenn’s ein Kaufmann ist, jedem andern aber auch, daß eswider Wissen und Willen zuerst ein wenig handeln und markten muß,sei es auch nur mit sich seihst. Der Pole erwiderte: Guter Herr,ich will Euch nicht ins Gesicht sagen, wie Ihr mir vorkommt. Ist’snicht genug, daß ich Euch die Kinder bringe? Sollt’ ich sie auchnoch umsonst geführt haben? Die Zeiten sind bös, und der Verdienstist gering. — Eben deswegen, sagte Herr Charles, darüber laßt michklagen! Oder meint Ihr, ich sei so reich, daß ich fremde Kinder auf-kaufe, oder so gottlos, daß ich mit ihnen handle? Wollt Ihr siewieder? Als aber noch einmal ein Wort das andere gab, und derPole jetzt erst mit Staunen erfuhr, daß der Herr Charles gar nichtder Vetter sei, sondern nur aus Mitleiden die armen Waisen ange-nommen habe: Wenn’s so ist, sagte er, ich bin kein reicher Mann,und Eure Landsleute, die Franzosen, haben mich auch nicht dazugemacht, aber wenn’s so ist, so kann ich Euch auch nichts zumuten.Tut den armen Würmlein Gutes dafür! sagte der edle Mensch, undes trat ihm eine Träne ins Auge, die wie aus einem überwältigtenHerzen kam; wenigstens überwältigte sie dem Herrn Charles dasseinige: Monsieur Charles, dachte er, und ein armer polnischer Fuhr-mann ! — Und als der Pole schon anfing, eines der Kinder nach demandern zum Abschied zu küssen und sie auf polnisch zur Folgsamkeitund Frömmigkeit ermähnte: Guter Freund, sagte Herr Charles, bleibtnoch ein wenig da! Ich bin doch so arm nicht, daß ich Euch nichtEuren wohlverdienten Fuhrlohn bezahlen könnte, so ich doch die